Summer Jam Berichte

Berichte 2008


Interview mit Clueso

„Ich habe einfach eine Teenie-Fresse“

ERSTELLT 09.07.08, 15:25h, AKTUALISIERT 09.07.08, 15:27h

Für Clueso geht es seit Monaten nur noch steil bergauf. Im Radio werden sein Hit „Chicago“ und sein neuester Song „Keinen Zentimeter“ rauf und runter gespielt. Die Junge-Zeiten-Autorinnen Annika Klautke und Angela Sommersberg trafen den Erfurter beim Summerjam Festival am Fühlinger See.

Im Backstagebereich des Summerjam Festivals haben unsere beiden Junge- Zeiten-Autorinnen Annika Klautke (links) und Angela Sommersberg Sänger Clueso zum Interview getroffen.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Hey Clueso, wir sind jetzt hier beim Summerjam in Köln, wo du auch einige Zeit gelebt hast. Wie ist es für dich, wenn du hierher zurückkommst?

CLUESO: Wenn ich in Köln bin, habe ich immer etwas zu tun. Ich besuche Freunde, zum Beispiel Curse oder meinen ehemaligen DJ oder Dirk, der die Grafik zu meinem neuen Album gemacht hat. Das ist einfach wie nach Hause kommen. Schon am Bahnhof schlägt mir dieser bestimmte Geruch nach vielen Menschen und Rolltreppen entgegen. Köln hat einfach einen eigenen Bahnhofsgeruch. Das erinnert mich daran, wie ich damals mit dem Longboard ins Studio gefahren bin. Das Studio lag ja direkt in der Johannisstraße am Bahnhof. Und immer wenn ich in Köln bin, hab' ich das Gefühl, ich gehe gleich ins Studio.

Was waren denn deine Lieblingsorte in Köln?

CLUESO: Ich denke gerne an so Aktionen, wie nachts in die Claudius-Therme gehen. Außerdem finde ich das ganze Rheinufer extrem cool. Bei Clubs mag ich eher so die alternativen Geschichten, alles von Roxy bis Underground. Vor kurzem waren wir während einer kleinen Tour im Gloria - das kenne ich natürlich auch noch von früher. Am 7. November spiele ich mit meiner Band sogar im Palladium.

Als du mit 19 nach Köln kamst, fing deine Karriere gerade an. Hättest du gedacht, dass du es so weit bringen würdest?

CLUESO: Man hofft das natürlich, aber man weiß nie, was passiert. Es gibt Künstler aus Notwehr, und ich gehöre auch dazu. Obwohl ich keine musikalische Ausbildung habe, ist es einfach das, was ich tue. Ich kann auch keine Noten lesen und beschreibe alles mit Händen, Füßen und Farben.

Was hättest du gemacht, wenn es nicht geklappt hätte?

CLUESO: Das ist ziemlich spekulativ. Ich wäre auf jeden Fall von irgendeiner sozialen Substanz abhängig. Ich würde vermutlich versuchen, etwas Kreatives zu machen, aber ehrlich gesagt, hab' ich keine Ahnung. Als wir mit dem Goethe-Institut in der ganzen Welt unterwegs waren, um Kindern Deutsch als Fremdsprache beizubringen, hätte ich auch nie gedacht, dass ich mit jungen Leuten Musik machen und etwas weitergeben kann.

Wie war es denn mit Jugendlichen zu arbeiten?

CLUESO: Das war eine schöne Erfahrung. Es war aber zugleich auch schockierend, zu sehen, wie viele Leute verkannt oder nicht erkannt werden und in der Masse dieser Schulfabriken untergehen. Wisst ihr, ich dachte immer, nur ich wäre als Kind ein auffälliger, hyperaktiver Nervsack gewesen, mit dem das deutsche Schulsystem nicht klar kam. Aber es macht mich traurig, dass es auf der ganzen Welt so ist.

In deiner Schulzeit war es anscheinend auch nicht so toll, oder?

CLUESO: Naja, ich bin von der Schule geflogen und habe nur einen Hauptschulabschluss. Zusätzlich bin ich ein Wendekind. Bei uns war nach der Wende ein ziemliches Chaos, weil die Schulen versucht haben, einen Weg zu finden. Man wollte ein neues System reinbringen und alte Sachen verwerfen. Ich habe das Gefühl, dass es in der Musikindustrie gerade ähnlich ist. Man klammert sich an Altes und probiert gleichzeitig tausend neue Sachen. Aber das raubt dem Künstler die letzte Substanz.

Du kommst aus der Erfurter HipHop-Szene. Wie war es damals, in die Kölner Szene zu kommen?

CLUESO: Köln ist schon wesentlich stylebehafteter, aber so groß ist der Unterschied zwischen Provinz und Großstadt doch nicht. Köln ist irgendwie auch nur ein Dorf. Als ich in meine Heimat zurückgekehrt bin, habe ich das aus Sehnsucht gemacht, aber auch, weil hier in Köln immer schon vorher gefragt wird, was am Ende mit einem Projekt passiert. Das ist schade. Ich glaube, in jeder Provinzgegend ist es so, dass die Leute erst mal gucken und dann machen. Ich bin als Young Star in die Branche reingerutscht, und es gab Leute, die haben mir auf die Schulter geklopft, und mir 20 Bändchen geschenkt, damit ich überall reinkam.

Wie ist es denn, so jung mit dem Erfolg klar zu kommen?

CLUESO: Erstmal hatte ich ja noch keinen Erfolg, aber alle haben gedacht, das wird ein Riesending und mich unter Druck gesetzt. Als ich damals nach Köln gekommen bin, hatte ich natürlich auch noch keinen Plattenvertrag. Das kam alles erst über Four Music und ging mit der ersten Scheibe los. Es war ganz ungewohnt, rumzulaufen und plötzlich erkannt zu werden.

Hast du auch Niederlagen in deiner Laufbahn erlebt?

CLUESO: Natürlich, ich wurde auch schon ausgebuht, oder durfte auf bestimmten Hip-Hop-Festivals nicht spielen. Heute wollen sie mich buchen, aber jetzt will ich nicht mehr. Damals habe ich versucht, Grenzen zu verschieben, und das wurde nicht akzeptiert. Aber ich habe trotzdem nie daran gedacht aufzugeben.

Realisierst du deinen Erfolg denn überhaupt?

CLUESO: Einerseits ja, andererseits nein. Manchmal raffe ich es ja noch nicht mal, mir einen Wochenplan an die Stirn zu kleben. Alles kommt darauf an, wie man mit dem Erfolg umgeht und sich gibt. Jetzt habe ich schwarze Klamotten und eine Sonnenbrille an und bin im Backstagebereich. Und wenn ich gleich raus komme, schreien alle „wuhu“. Aber wenn ich mich anders anziehe und nur mal eben ans Büdchen gehe, dann ist alles cool. Ich wohne eben in einer mittleren Kleinstadt, und da gibt es viele professionelle Fans.

Du bist Mädchenschwarm - wie gehst du mit weiblichen Fans um?

CLUESO: (lacht) Es ist cool. Bei einem typischen Clueso-Konzert stehen in der ersten Reihe die kreischenden Fans. In Leipzig musste ich jedoch ein Konzert abbrechen, weil die Mädels mich immer an der Hose gezogen haben, und ich es nicht geschafft habe, sie zu erziehen, sie davon abzubringen. Ich habe einfach eine Teenie-Fresse, und Mädchen springen nun mal auf das, was ich singe, an. Ich habe auch gerade ein ruhiges Album rausgebracht, das finden Frauen natürlich auch toll. Eigentlich habe ich das aber gemacht, weil mir dieser ganze Rummel in der Musikindustrie auf den Sack geht.

Und wen willst du dann mit deiner Musik erreichen?

CLUESO: Ich kann gar nicht sagen, wer mein Publikum ist. Zuletzt habe ich zum Beispiel bei einem sozialen Projekt in einem Gehörlosen-Theater in Köln gespielt. Man muss sich das so vorstellen, dass im Publikum Leute mit Luftballons saßen, um die Schwingungen der Bässe aufzufangen. Ich hab meinen Gesang durch Lippenlesen und Ausdruck übersetzen lassen und hätte nie gedacht, dass Gehörlose meine Musik empfinden können. Aber wenn ich Musik mache, ist das wie bei einem Autor, der ein Buch schreibt, ohne zu wissen, was drin stehen soll.

Weißt du denn schon, wie es in Zukunft mit dir weitergehen wird?

CLUESO: Es gibt viele Ideen, die am Himmel hängen. Vielleicht mache ich was mit der Stüba-Philharmonie, dem Orchester, mit dem ich beim diesjährigen Bundesvision Song Contest aufgetreten bin oder vielleicht auch was mit meinem JazzTrio. Da steht aber nichts fest. Ich habe auch viele Freunde in der Musikbranche, mit denen ich arbeiten möchte. Die Musik ist auf jeden Fall der Schwerpunkt für die nächsten Jahre.

Donnerstag, 10. Juli 2008

Steckbrief

ERSTELLT 09.07.08, 15:27h, AKTUALISIERT 09.07.08, 15:29h

Clueso ist einer der Jungstars in der deutschen Hip-Hop-Szene. Der 28-Jährige stammt aus Erfurt.

Name: Thomas Hübner Künstlername: Clueso: benannt nach Inspektor Clouseau aus dem Film „Der rosarote Panther“ Herkunft: Erfurt Geburtsdatum: 9. April 1980 Job: Nach Abbruch der Friseurlehre 1998 Sänger, Songwriter, Produzent

Musikrichtung: Hip Hop mit Reggae-, Rock- und Elektro-Einflüssen

Alben: Text und Ton (2001), Gute Musik (2004), Weit weg (2006), So sehr dabei (2008)

Hits: „Chicago“, „Keinen Zentimeter“, „Mitnehm“, „Kein Bock zu geh'n“, „Lala“

Erfolge: 2007 Vorband von Herbert Grönemeyer; 2007 Nominierung für 1Live Krone; zweiter Platz Bundesvision Song Contest

  Remscheider General Anzeiger
Glückliche Menschen

Von Lenia

Es dämmert, gefühlte 15 Grad, Kerzen in unserer Mitte, zum Abendessen schmackhaft-matschiges Toastbrot.

Später am Abend geht es in die Partyhalle, Reggae und farbenfroh gekleidete Menschen aller Nationen. Gute Stimmung macht sich breit. Das Summer Jam-Festival am Fühlinger See in Köln beginnt .

Zwischen Zähneputzen hinter dem Zelt und dem Dixiklobesuch mache ich mich am Nachmittag auf den Weg zu einem der Eröffnungskonzerte, auf der Konzertinsel mitten im See. Pete Philly & Perquisite spielen in strahlender Sonne, überzeugen mit Jazz und Hip-Hop. Besonders bei ,,Mystery Repeats” tanzt das Publikum ausgelassen.

Am Abend will ich mich von den Partybeats Culcha Candelas mitreißen lassen. Die Performance erinnert leider stark an die von Boybands. Culcha Candela überzeugten vor ihren großen Erfolgen. Nicht jetzt.

Am Samstag ist Miss Platnum der Knaller des Tages. Sie spielen starke Drumbeats, unterlegt von einer Tuba und tanzbare, dunkle Melodien, die an osteuropäische Folkmusik erinnert. Später spielen dann The Black Seeds aus Neuseeland. Sie präsentieren angenehme, leicht poppige und entspannende Beats. Die Kombination von Tamburin, Saxofon und Bongos hinterlässt einen exotischen Eindruck. Zeitgleich spielen die Mexikaner Panteòn Rococò auf der zweiten Bühne. Sie dagegen heizen das Publikum an. Ska in Kombination mit Latinbeats – wer kann da still stehen?

Gegen Abend ziehen sehr finstere Wolken auf. Während des Auftritts von Patrice und trotz seines Hits „Sunshine“ gießt es in Strömen. Bei „Soul Storm“ tanzt auch der Letzte. Leider schafft es der in Köln lebende Sänger nur selten, die Dynamik seiner Songs auf die Zuhörer zu übertragen. Enttäuscht höre ich im Anschluss Shaggy zu. Der lässt es sich nicht nehmen, Endlosversionen von „Angel“ und „Hey sexy Lady“ zu bringen. Einige Konzertbesucher reagieren genervt: „Das ist total arm“, empört sich ein Mädchen.

Der letzte Festivaltag lädt zu einem Bummel über den bunten Markt auf der Konzertinsel ein. Essen und Kleidung. Aus allen Richtungen duftet es köstlich. Indisch, chinesisch, thailändisch und vieles mehr. Ich bin begeistert. Diese Begeisterung steigert sich noch in dem Konzert von Derrick Morgan, einem der „Väter“ der Ska-Musik.

Am Abend bringen Mono & Nikitaman, Shantel & Bucovina Club Orkestar, Clueso und natürlich Stephen Marley noch ein letztes Mal die Fes-tivalbesucher zum Tanzen. Ein klasse Abschluss, der ganz deutlich zeigt: Summer Jam ist und bleibt das Festival, auf dem die Menschen am glücklichsten sind.

Reggae-Minister

Sigmar Gabriel Politstar beim Summerjam

Promifaktor: Wer hätte es gedacht: Sigmar Gabriel, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (SPD) war gestern unterwegs auf dem Summerjam-Gelände.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel.
Foto: Fouad
Das passiert: Zum 23. Mal ist am Fühlinger See grün-gelb-roter Ausnahmezustand. Motto: „Uniting the people of the world.“

Und so kommen zum größten Reggae-Festival Europas die größten Stars der Musikszene: Shaggy, Patrice, Culcha Candela und zwei Söhne des legendären Bob Marley (Stephen und Ky-mani) traten oder treten dieses dieses Jahr auf.

Besucher: bis zu 25 000 Reggaefans aus aller Welt werden dieses Wochenende am Cologne Bay erwartet.

Promifaktor: Wer hätte es gedacht: Sigmar Gabriel, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (SPD) war gestern unterwegs auf dem Summerjam-Gelände: „Meine Tochter hat mich überzeugt. Sie ist zum fünften Mal hier, ich zum ersten Mal.“ Und nach anfänglicher Skepsis („Reggae? War das nicht vor 25 Jahren?“) gefiel es Gabriel ausgesprochen gut: „Ein fantastischer Veranstaltungsort. Nächstes Jahr komme ich wieder!“

So geht es heute weiter: Um 13:20 Uhr startet das Konzertprogramm (Clueso, Mono & Nikitaman, Luciano). Das Highlight des Abends: Stephen Marley.

Tickets: Wer heute einen karibischen Kurzurlaub in Köln verbringen möchte: Sonntagstickets (50 Euro) gibt es an den Festivalkassen.

Traum von einer friedlichen Welt

Von Heiner Schepp | 06.07.2008, 16:50

     

Köln. Den Traum von der einen Welt, von friedlich zusammenlebenden Völkern und der Liebe, die dies alles zusammenhält, verfolgt keine Musikrichtung so innig und unermüdlich wie der Reggae. Was Bob Marley, einer der Urväter dieses Genres, mit «One Love» besang, trug beim Summerjam am Wochenende in Köln das Motto: «Uniting People of the World».

Europas größtes Reggae-Happening vereinte dabei nicht nur einen bunten Mix der Völker und Hautfarben vor und auf der Bühne; auch die Musik des seit 1986 regelmäßig am ersten Juli-Wochenende stattfindenden Drei-Tage-Festivals zeigte sich bei der 23. Auflage bunter denn je.

Und damit sehen die Veranstalter ihre Mission auch trotz einer rückläufigen Besucherzahl erfüllt: Nach knapp 30.000 Gästen bei der Summerjam 2007 pilgerten diesmal «nur» noch gut 25.000 (darunter übrigens auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel mit seiner Tochter) auf die Regattainsel im Fühlinger See, der in diesen Tagen eigentlich nur «Cologne Bay» heißt.

Dass der Besucherschwund an den fehlenden ganz großen Namen in diesem Jahr lag, glaubt Pressesprecherin Jutta Hackland vom Mitveranstalter Contour Music nicht: «Wahrscheinlich war es den meisten im Vorjahr doch etwas zu eng», erinnert sie sich, dass die «Jam» damals organisatorisch an ihre Grenzen gestoßen sei und durchaus auch etwas von ihrem familiären Charakter eingebüßt habe.

Eng wurde es aber auch diesmal vor allem am Samstagabend, als der jamaikanische Reggae-Popper Shaggy Partyhits wie «Bombastic», «Oh Carolina» oder auch den EM-Hit «Feel the Rush» in den Kölner Nachthimmel schmetterte. Headliner des ersten Festivaltages waren Culcha Candela, die wie keine der über 50 Gruppen und Interpreten für das diesjährige Festival-Motto standen.

Die multinationale Truppe aus Berlin versteht es dabei nicht nur mit dem eher jüngeren Publikum zu feiern («Partybus», «Hamma», «Hey DJ»), sondern bringt mit originellen und wortgewaltigen Texten auch kritische Themen unters Volk.

Das gilt auch für Sänger und Songschreiber Patrice, der in den letzten Jahren eine erstaunliche musikalische Entwicklung durchlebt hat und seine melodiöse Mischung aus Hiphop, Reggae und anderen Stilrichtungen mit einer unverwechselbaren Stimme krönt. Das «Heimspiel» des Kerpeners war zweifelsohne eines der Glanzlichter der Summerjam 2008.

So wie Patrice vor Jahren als Newcomer vor dem Publikum in «Cologne Bay» stand, so hatten auch in diesem Jahr viele junge Künstler ihre Summerjam-Premiere.

Erwähnt sei hier stellvertretend Miss Platnum, die mit ihrem schrägen Balkan-Hiphop gleich zu Beginn des zweiten Konzerttages Stimmung in die Menge brachte. Die aus Rumänien stammende Berlinerin legte mit drallen Reizen im Trachten-Outfit, aberwitzigen Choreographien und ihrer musikalisch erstklassigen Band einen tollen Auftritt hin und dürfte noch einiges von sich hören lassen.

Natürlich kamen auch bei der Summerjam 2008 die Freunde des ursprünglichen Roots-Reggae nicht zu kurz, dafür sorgten unter anderem Alpha Blondy aus Frankreich, der Berliner Sebastian Sturm und seiner JinJin-Band oder die Marley-Sprösslinge Ky-Maney und Stephen, die dem Sound ihres Papas aber ihren ganz eigenen Ragga-Stil geben.

Wie es klang, als dieser noch selbst auf der Bühne stand, das konnte das Summerjam-Publikum am Sonntagnachmittag erleben: Da musizierten mit der Formation «Tosh meets Marley» die original Begleitmusiker der beiden Reggae-Ikonen auf der Kölner Bühne und sangen mit tausenden Kehlen - klar - von der «One Love».

Summerjam

Rührender Reggae aus dem Knast

VON ALICE AHLERS, 06.07.08, 20:32h

25 000 Fans kamen am Wochenende zum Summerjam am Fühlinger See. Das Reggae-Festival präsentierte Künstler wie Shaggy, Alpha Blondy, Hip-Hop-Größe Common oder der heimliche Headliner Jah Cure. Acht Jahre saß der in Jamaika im Gefängnis.

Jah Cure genießt nach acht Jahren im Gefängnis sichtlich seine Freiheit. Urgestein Alpha Blondy sorgt sich um den Nachwuchs. (BILD: KNIEPS)
Köln - Das Reggae-Festival präsentierte Künstler wie Shaggy, Alpha Blondy, Hip-Hop-Größe Common oder Jah Cure.

Freitag, 22.30 Uhr. Animation im Club Summerjam. Culcha Candela aus Berlin testen, was ein Festival-Publikum können muss. Hüpfen auf Zuruf, das T-Shirt durch die Luft wedeln, wenn der Künstler es wünscht. „Jetzt alle die Hände nach oben“, fordern die sechs Berliner, die ihre Boy-Group-Choreographie perfekt beherrschen. Zum Limbo-Rhythmus geht der ganze Platz in die Knie. Im Ententanz rotiert die Masse nach links, dann nach rechts. Wer schreit lauter? Jungs gegen Mädchen. „Say Hoh und say Yeah“ und nicht zu vergessen: Das Feuerzeug griffbereit halten. Zwischen den Robinson-Club-Spielchen gibt's auch mal Musik. Springen bei „Solarenergie“, Hüften schaukeln beim Nummer-eins-Hit „Hammer“, Mitsingen auf „Brumm, brumm und jetzt alle: Der Partybus geht um“.

Ein seichter Einstieg in das größte Reggae-Festival Europas am Fühlinger See, der auch denjenigen unter den etwa 25 000 zahlenden Gästen gefällt, die sich nicht auf HipHop, Dancehall oder Weltmusik festlegen wollen.

Braver und sauberer wurde es auf der Hauptbühne an diesem Wochenende nicht mehr. Lady Saw legte am Freitag vor. Womit Porno-Rapperin Lady Bitch Ray derzeit in Deutschland für Aufmerksamkeit sorgt, das macht die 35-Jährige im Bereich Dancehall schon seit über zehn Jahren - nur glaubhafter und mit Herz. Als erste Frau in der männerdominierten Gesangskultur Jamaikas, drückte sie ihre sexuellen Gedanken und Wünsche unmissverständlich und direkt aus. Immer wieder greift sie sich auf der Bühne in den Schritt, trotz damenhaften Ballon-Kleidchens und goldener Sandalen. Mal gibt sie zu harten, treibenden Dancehall-Tunes, ihre bevorzugten Stellungen zu Gehör, mal singt sie zuckersüße Balladen über die Liebe zu ihrer verstorbenen Mutter. Auch den Hit von Gwen Stefanie „Underneath it all“, in dem sie einen Zwischenteil rappt, sparte sie nicht aus und singt auch den Rest besser als die No-Doubt-Sängerin.

Der heimliche Headliner spielte am Samstag schon um 18 Uhr. „Jah Cure ist wieder da“, raunen sich die Reggae-Kenner zu, die bei den „Kommerz-Acts“, wie sie die Auftritte von Common oder Culcha Candela nennen, lieber Pause machen. Acht Jahre saß Jah Cure in Jamaika im Gefängnis. Im Jahr 1999 soll er mit vorgehaltener Waffe eine Frau vergewaltigt haben.

In blütenweißem Hemd und mit schwarzer Krawatte tritt der Ex-Knacki auf die Hauptbühne - sein erster Auftritt in Deutschland, seit er im Juli vergangenen Jahres in die Freiheit entlassen wurde. „Lang ist's her, Germany“, ruft er in die Menge. Jubel weht ihm entgegen, auch wenn sein Lachen leicht dreckig klingt, irgendwie nach Knast. Die einschmeichelnd soulige Stimme, die rührenden Roots-Reggae-Melodien dürften ihm seine Resozialisierung erleichtern.

Treue Fans hatte er sowieso schon immer. In den vergangenen Jahren machten sich auf dem Summerjam immer wieder Künstler für ihn stark. Unter dem Slogan „Free Jah Cure“ forderten sie öffentlich seine Freilassung. Viele glaubten an seine Unschuld, die er immer wieder hartnäckig beteuerte. Nur aufgrund von Indizien sei er zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Das Opfer hatte ihn einzig aufgrund seiner Stimme identifiziert. Ein Berufungsverfahren blieb aber ohne Erfolg. Jah Cure machte auch im Gefängnis weiterhin Musik. 2004 landete er mit „Longing for“ aus dem Knast heraus einen Hit, der sich wochenlang an der Spitze der jamaikanischen und englischen Reggae-Charts hielt. Als einer der Ersten nahm er am Programm „Rehabilitation Through Music“ teil, von dem man sich - wie der „Jamaica Observer“ berichtet - bessere Wiedereingliederungserfolge erhofft. Das Ergebnis: Melancholisch klagend singt Jah Cure „Reflections“, ein Song, den er ebenfalls in der Zelle geschrieben hat: „I Swear, I Could Be a Betta Man“.

Das Motto des diesjährigen Summerjams „Uniting People of the World“ funktionierte auch dieses Jahr nicht nur länderübergreifend, sondern auch über verschiedene Musikstile hinweg. Die Künstler wie Patrice aus Kerpen, dem Reggae-Klassiker Alpha Blondy aus Westafrika, Clueso, deutscher Sänger aus Erfurt, oder Stephen Marley aus Jamaica waren nicht nur lokal und international gemischt, sondern auch musikalisch. So mancher Hip-Hop-Fan kam nur, um Common zu sehen. Der US-amerikanische Rapper gewann vergangenes Jahr einen Grammy für seinen mit Kanye West produzierten Song „Southside“.

Stimmungs-Höhepunkt war am Samstag Shaggy - mit 40 Jahren athletischer denn je. Was Culcha Candela zum Auftakt probten, musste Shaggy erst gar nicht lautstark fordern. Die Masse hüpfte ganz von selbst anderthalb Stunden lang. Hits wie „Hey Sexy Lady“, „Boombastic“ oder „Mr. Lover Lover“ kennt schließlich jeder - freiwillig oder unfreiwillig - aus dem Radio oder vom letzten Aufenthalt im Ferienclub.

Fotoline: Summerjam 2008


Summerjam-Festival

Keine falsche Bescheidenheit

VON LARS GERMANN, 06.07.08, 22:52h

Seit nunmehr 22 Jahren ist das Summerjam-Festival das Mekka für Reggae-Fans. Auch am vergangenen Wochenende pilgerten wieder 25.000 Fans an den Fühlinger See und erlebten ein vielfältiges Musikprogramm.

Der Kölner Patrice trat auch auf dem Summerjam auf. (Bild: Gauger)
KÖLN. Schwaden von Haschischrauch, in Zeitlupe agierende Musiker, entnervende Trommelorgien - wer bei Reggae solche Bilder vor Augen hat, erlebt beim Summerjam sein blaues Wunder. 25 000 Besucher setzten am Wochenende am Fühlinger See mehr auf Spaß als auf „Spiritualität“. Mit dem Klischee der trägen, rauchumwehten Reggaemusik wurde bei der 23. Auflage des Festivals jedenfalls gründlich aufgeräumt: Beim Summerjam 2008 war erlaubt, was tanzbar und partytauglich ist.

Ob das noch etwas mit Reggae zu tun hatte, war dabei oft zweitrangig. Culcha Cundela aus Berlin etwa erinnerten mit ihrer ausgefeilten Choreographie durchaus an eine Pop-Boygroup. Ihre eingängigen und mitgröltauglichen Refrains, Zitate aus Achtziger-Hits und schwungvolle Tanzeinlagen verfehlten ihre Wirkung nicht.

Bereits zum fünften Mal in Folge beim Summerjam dabei, polarisieren die sieben Musiker jedoch nach wie vor: Anhänger traditionelleren Reggaes konnten der Großraumdisco-tauglichen Show von Culcha Candela jedenfalls wenig abgewinnen Ein ähnlicher Fall waren Panteòn Rococò aus Mexiko, die von Merengue bis hin zu Turbo-Skapunk kaum eine Spielart ausließen.

Dass die Combo in und zwischen ihren Stücken soziale Missstände anprangerte, bekamen die wenigsten im Publikum mit - die Band blieb konsequent beim Spanisch. Geradezu schüchtern und nur mit seiner Akustikgitarre begann Patrice seinen Auftritt, bevor er mit seiner Band die Dynamik immer weiter steigerte.

Neben Reggae-Hits wie „Soulstorm“ hatte Patrice auch poppige Nummern wie das ruhige „Clouds“ zu bieten, die seine Ambitionen als vielseitiger Singer / Songwriter untermauerten. Sehr diszipliniert und mit sensiblem Gesang intonierten Patrice und seine Band ihre meist kompakten, filigranen und sehr melodiösen Stücke. Lediglich in Punkto Bühnenpräsenz könnte der Wahl-New Yorker aus Kerpen noch zulegen: Angesichts seines äußerst dankbaren Publikums hätte ihm etwas weniger Bescheidenheit nicht geschadet.

Natürlich gab es auch wieder einige Künstler, die sich der Traditionspflege widmeten. So etwa der junge Jamaikaner Tarrus Riley, der kaum ein Stilmittel des Siebzigerjahre-Reggaes ungenutzt lässt und das Ganze mit seiner souligen Stimme überzeugend garniert. Und auch der erst 28-jährige Aachener Sänger Sebastian Sturm mit seiner Band Jin Jin, der von den Lesern der Fachzeitschrift „Riddim“ gerade erst erneut zum „Newcomer des Jahres“ gewählt wurde.

Den kleinsten, gemeinsamen Nenner in all der Vielfalt lieferte wohl der Jamaikaner Raggamuffin-Star Shaggy: Mit seinem charakteristischen Bariton und Hits wie „Oh, Carolina“ und „Feel the Rush“ brachte er Fans aller Altersklassen und Nationalitäten zusammen - ganz im Sinne des diesjährigen Summerjam-Mottos: „Uniting People of the „World“.

Summerjam-Star Patrice

„Und jetzt stehe ich selbst auf der Bühne, wow!“

ERSTELLT 02.07.08, 21:03h

In Kerpen-Brüggen aufgewachsen, eine Zweitwohnung in New York und ab morgen in Köln: Sänger Patrice ist einer der Stars auf der Reggae-, Dub- und Dancehall-Veranstaltung „Summerjam“.

Zur Person

Über Patrice

ERSTELLT 02.07.08, 21:03h

Musiker Patrice ist Sohn von Gaston Bart-Williams, einem Schriftsteller aus Sierra Leone, und einer Kölnerin. Am Mittwoch feiert er seinen 29. Geburtstag. Vor kurzem erschien „Free Patri-Ation!“, sein viertes Studio-Album. Mit seiner intelligenten und sensiblen Melange aus Reggae-, Songwriter-, Soul- und Hip-Hop-Elementen feiert er Erfolge rund um den Globus.

 www.patriceonline.net


Riesiges Staraufgebot

Über 20 Jahre Summerjam

ERSTELLT 02.07.08, 21:03h

Bald zwei Jahrzehnte nach dem deutsch-deutschen Mauerfall plant das „Summerjam“ eine neue Vereinigung, diesmal aber in ganz großem Stil. Nicht um lächerliche zwei Staaten soll es dabei gehen, sondern gleich um die ganze Welt: „Uniting People of the World“ verspricht die 23. Auflage der Reggae-, Dub- und Dancehall-Sause vom 4. bis 6. Juli am Fühlinger Seeufer.

Das Staraufgebot immerhin ist so lokal wie international, es kommt aus Kerpen / Nordrhein-Westfalen ( Patrice ) und aus Wellington / Neuseeland ( The Black Seeds ), stammt aus Chicago / Illinois wie der Rapper Common oder etwa aus Erfurt / Thüringen wie Clueso .Einige sind ziemlich neu im Geschäft wie Sebastian Sturm oder aber alte Hasen wie die einstigen Backingbands der Gründerlegenden Peter Tosh und Bob Marley, die sich zur Pflege der alten Klassiker unter dem Namen Tosh meets Marley in einer einzigen Kapelle zusammengefunden haben.

Da haben wir es wieder, das Motto von der Vereinigung, von der sicher auch die Multikulti-Truppe Culcha Candela aus West- und Ost-Berlin ein Liedchen trällern kann. Ob die Band ihren Charts-Hit „Hammer“ auspacken wird oder Shaggy aus Kingston / Jamaika seinen „Mister Lover Lover“, gehört zu den nicht ganz so spannenden Fragen dieses Festivals, das seit Jahren mehr noch als für sein Musikprogramm für seinen besonderen „Vibe“ außerordentliche Wertschätzung erfährt. Vielleicht ist die Übertreibung der Veranstalter ja doch nur eine sachte, denn das vieltausendköpfige Publikum wird auch diesmal wieder aus fast allen Kontinenten anreisen. So wird am Strand von Köln vielleicht doch eine globale Völkervereinigung stattfinden, wenn auch nur eine ganz kleine.

Das Summerjam 2008 findet vom 4. bis zum 6. Juli statt, am Fühlinger See, Oranjehofstraße. Tickets für die drei Tage kosten im Vorverkauf 88 Euro, beim Festival selbst 98 Euro - jeweils inklusive Camping. Tageskarten für den Sonntag kosten 50 Euro (nur an der Tageskasse). (sz)

 www.summerjam.de



Festival

Start zum „Summer Jam“

ERSTELLT 30.06.08, 18:17h, AKTUALISIERT 01.07.08, 07:17h

Musikgruppen und Künstler der Reggaeszene kommen zum „Summer Jam“, Europas größtem Festival für Reggaemusik, von Freitag bis Sonntag am Fühlinger See zusammen.

Die Stadtverwaltung hat ein Sondertelefon mit der Nummer 02 21 / 7 09 30 15 eingerichtet.

Die ersten „Summer Jam“-Gäste sind bereits eingetroffen und bauen am Fühlinger See ihre Zelte auf. 
Chorweiler - Musikgruppen und Künstler der Reggaeszene kommen zum „Summer Jam“, Europas größtem Festival für Reggaemusik, von Freitag bis Sonntag am Fühlinger See zusammen. Rund 25 000 Besucher werden erwartet, wie in den vergangenen Jahren ist das Gelände in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Neben zwei großen Bühnen und zwei Musikzelten gibt es einen Markt mit Händlern aus ganz Europa. Sowohl das Festivalgelände als auch das angrenzende Campingareal können nur mit Eintrittskarten besucht werden. Die sanitätsdienstliche Notfallversorgung übernehmen die Johanniter mit 45 Einsatzkräften.

Wegen der Vorbereitungsarbeiten und des großen Besucherandrangs wird die Oranjehofstraße von der Neusser Landstraße bis zur Edsel-Ford-Straße ab Mittwoch, 2. Juli, 12 Uhr, bis Montag, 7. Juli, 15 Uhr, für Kraftfahrzeuge gesperrt. Die Festivalbesucher werden von der Autobahnanschlussstelle Köln-Niehl zur Parkfläche am Bergheimer Weg geleitet, von dort aus fahren Sonderbusse zum Fühlinger See. Der Zugang zum See bleibt im Bereich des Ortsteils Fühlingen auch während des Festivals offen. Die Veranstalter raten dazu, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Die Stadtverwaltung hat ein Sondertelefon mit der Nummer 02 21 / 7 09 30 15 eingerichtet, an das sich die Anwohner mit Fragen, Wünschen und Beschwerden wenden können. Diese Nummer ist ab Mittwoch, 2. Juli, bis zum Ende der Veranstaltung erreichbar. (hsr)



Montag, 30. 06. 2008, 10:30 Uhr


13. Reggaefestival am Fühlinger See

Oranjehofstraße wird gesperrt – Bürgertelefon für die Anwohner

In diesem Jahr findet zum 13. Mal Europas größtes Festival für Reggaemusik in Köln statt: Vom 4. bis 6. Juli 2008 werden auf der Freizeit- und Erholungsanlage Fühlinger See rund 25.000 Besucher aus der ganzen Welt erwartet, die in unvergleichbarer Atmosphäre international bekannte Künstler und Musikgruppen der Reggaeszene erleben wollen.

Wie in den vergangenen Jahren ist das Festivalgelände in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Auf der Festival-Insel gibt es zwei große Bühnen, zwei Musikzelte, diverse Service-Einrichtungen und einen großräumig angelegten Markt mit Händlern aus ganz Europa. Daran schließt sich das Campingareal für die Besucher der Veranstaltung an. Beide Bereiche können nur mit Eintrittskarten betreten werden.

Das bestehende Schallschutzkonzept wurde von der Stadt Köln in Zusammenarbeit mit dem TÜV - Rheinland und dem Veranstalter des Festivals überarbeitet, um für die Anwohner einen weitgehenden Schallschutz zu garantieren.

Wegen der Vorbereitungsarbeiten und des zu erwartenden großen Besucherandrangs wird die Oranjehofstraße von der Neusser Landstraße bis zur Edsel - Ford - Straße ab Mittwoch, 2. Juli 2008, 12 Uhr, bis Montag, 7. Juli 2008, 15 Uhr, für Kraftfahrzeuge gesperrt. Durch Hinweisbeschilderungen werden die Festivalbesucher von der Autobahnanschlussstelle Köln - Niehl zur Parkfläche am Bergheimer Weg geleitet; von dort aus fahren Sonderbusse zum Fühlinger See.

Während der Veranstaltung bleibt der Zugang zum See im Bereich des Ortsteils Fühlingen nach wie vor möglich. Aufgrund der schwierigen Parkplatzsituation wird geraten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Die Verkehrsüberwachung der Stadt Köln wird an allen Veranstaltungstagen im Bereich des Fühlinger Sees verstärkt kontrollieren. Trotzdem kann es in den Stadtteilen nahe des Fühlinger Sees zu Verkehrsbeeinträchtigungen kommen.

Die Stadtverwaltung hat ein Sondertelefon eingerichtet, an das sich die Anwohner mit Fragen, Wünschen und Beschwerden wenden können.
Die Rufnummer lautet : 0221 / 70930-15.
Diese Nummer ist ab Mittwoch, 2. Juli 2008, bis zum Abschluss der Veranstaltung erreichbar.

Stadt Köln - Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Simone Winkelhog


Lokalnachrichten

Reggae und Dancehall mit Shaggy, Culcha Candela und Patrice

Karibikfeeling beim Summerjam am Fühlinger See

Sie sind die Shootingstars des deutschen Reggae- und Dancehallszene, ihre Hits "Hamma!" und "Ey DJ" schlugen hammermäßig ein und jetzt sind sie auch noch einer der Headliner des größten deutschen Reggaefestivals: Culcha Candela aus Berlin stehen auf der Bühne beim Summerjam Festival, das das Areal um den Fühlinger See von Freitag, den 4. Juli, bis Sonntag, den 6. Juli, in "positive vibrations" taucht und mit einem Gefühl von Karibik versieht.

Summerjam-Tickets online bestellen

Bereits zum 23. Mal treffen sich nationale und internationale Größen der Reggaeszene im Kölner Norden und lassen die zigtausend Fans mit einem vielfältigen Musik- und Stilmix in ein entspanntes Wochenende tauchen. Neben Culcha Candela tritt die gesamte Szene des Roots über Dancehall bis hin zu Rap, Hip Hop und Soul auf - an bekannten Stars wird nicht gegeizt: Mit dabei sind zum Beispiel Shaggy, der mit "Feel The Rush" den offiziellen Song zur Fußball-EM 2008 ablieferte und Patrice, dessen "Clouds" aus den Radiocharts kaum wegzudenken ist.

In einem zweiten Anlauf hat auch Stephen Marley den Weg ins Line Up geschafft - 2007 noch sagte der Sohn der Ikone Bob Marley seinen Summerjam-Auftritt sowie seine gesamte Europatour ab. Auch Clueso, Alpha Blondy, Mr. Vegas, Luciano und Collie Buddz lassen sich nicht lumpen und tragen mit ihren verschiedenen Musikrichtungen zum vielfältigen und besonderen Flair des Festivals bei. Und wie es sich für ein mehrtägiges Festival gehört, wird in unmittelbarer Nähe zu den Bühnen gecampt. (Fotos: oben: David Cuenca, unten: Universal Music)

(18.6.2008)



Summerjam

4 bis 6. Juli 2008, Köln

Von Heiko Behr

Sicher, die Loreley war auch eine nette Location. Der Rhein, die Geschichte, die Steinfigur. Doch mittlerweile ist das größte Reggae-Festival an den Fühlinger See bei Köln umgezogen. Wohl eine gute Wahl, bei den Besuchermassen. Hier finden sich Künstler aus Jamaika, die sich wirklich nur einmal im Jahr auf den Weg nach Deutschland machen. Aber auch deutsche Nachwuchskünstler präsentieren sich hier dem großen Publikum.

 

Shaggy: Spielt sicher auch den EM-Song

Line-Up: Alaine, Alborosie, Beres Hammond, Black Dillinger, Cecile, Clueso, Cunninlynguists, Cocoa Tea, Collie Buddz & The New Kingston Band, Common, Culcha Candela, Dub Inc., Derrick Morgan, Dr. Ring Ding, Etana, Ganjaman, Irie Revoltes, Jah Cure, Jahcoustix & Dubios Neighbourhood, Ky-Mani Marley, Lady Saw, Looptroop Rockers, Luciano, Miss Platnum, Mono & Nikitaman, Panteon Rococo, Patrice, Pete Philly & Perquisite, Pressure, Queen Ifrica, Rebellioni, Roy Paci & Aretuska, Shaggy, Stephen Marley, Sebastian Sturm & Jin Jin Band, Shantel & Bucovina Club Orkestar, Tosh Meets Marley, The Black Seeds, Tarrus Riley, Voicemail, Ziggi & Renaissance Band

Preis: 89,25 Euro (mit Gebühren und Camping)

Besucher: 25.000

Anfahrt: Wie üblich ist es mit Bus/Bahn am empfehlenswertesten: Vom Hauptbahnhof zum Fühlinger See Linie 11 bis Merkenich, dann Bus 121 Richtung Ossendorf bis Haltestelle Oranjehofstraße. Mit dem Auto: auf der A1 zwischen Kreuz Köln-Nord und Kreuz Leverkusen, Abfahrt Niehl/Fühlingen.

Umgebung: Der Fühlinger See liegt zwischen Ford-Werken, der A1 und den beiden Kölner Vororten Chorweiler und Seeberg, ein Naherholungsgebiet also, wie es im schönsten Behördendeutsch ja immer heißt. Wer sein Pony mit zum Festival bringt, kann auf den angelegten Reitwegen brav um den See herum zockeln. Und Menschenmassen finden sich übrigens sowieso – bis zu 80.000 Leute fliehen im Sommer an den See.

Unbedingtes Must-Have: Bob-Marley-Gedenkfrisuren, die obligatorischen Farbkombinationen

Absolutes Don't: Hasskappe – Aggressionen können anderswo abreagiert werden




Berichte 2007


22 Jahre Summer Jam  davon 12 Jahre am Fühlinger See, alle Berichte vom Jam auf www.rootz.net   



 Bericht aus der  Aachener Zeitung  vom 09.07.2007
Summerjam: Laut und bunt auf der Partyinsel

(hes) |  09.07.2007, 17:47

Köln. Der Untertitel ist Programm: «Kulturen und Stile verschmelzen» möchte sie, die Summerjam in Köln, Europas größtes Reggae- und Dancehall-Festival. Einst auf dem Loreley-Freilichtgelände als pures, fast familiäres Reggae-Happening gefeiert, ist das Drei-Tages-Ereignis am Fühlinger See längst eines der angesagtesten Festivals im Lande.

«Ausverkauft» hieß es bereits am Freitagabend, geschätzte 30.000 Menschen strömten auf die wunderschöne Partyinsel im Norden Kölns, um in eine andere Welt - lässig, friedlich, laut und bunt - einzutauchen. Längst sind es nicht mehr nur die Reggae-Freaks mit rot-gelb-grünen Klamotten, Schlabberhose und Rastazöpfen, für die das erste Juli-Wochenende zum Pflichttermin geworden ist; unübersehbar hat auch das junge Publikum, haben coole HipHopper und schnieke Partygirls die Summerjam entdeckt.

Ende der 90er Jahre verordneten die Veranstalter dem neben «Rock am Ring» ältesten Festival Deutschlands eine Frischzellenkur. Mit der Zeit gehend, wurden HipHop und Rap, Funk, Pop und elektronische Musik mit ins Programm und der WDR-Jugendsender EinsLive mit ins Boot genommen.

Das Experiment darf man im 22. Jahr der Summerjam vor allem musikalisch als gelungen ansehen, denn die Bandbreite der Genres sucht unter Europas Festivals ihresgleichen. Nummer eins in Sachen Andrang war auch bei der Summerjam 2007 «ne Kölsche Jung»: Gentleman, mittlerweile selbst in Jamaica und weltweit gefeierter Reggaestar, präsentierte Songs seines in Kürze erscheinenden neuen Albums.

Starke Chorstimmen

Er hält es statt aufgeregter Dancehall- oder Hip-Hop-Rhythmen eher mit dem klassischen Roots-Reggae. Seine Far East Band mit pulsierenden Rhythmen, kernigen Bläserarrangements und starken Chorstimmen ist alleine den Eintritt wert. Während Gentleman Alt und Jung und alle Geschmäcker in seinen Bann zieht, sinkt bei den Auftritten von Clueso oder Blumentopf, bei Nosliw, Ohrbooten und Culcha Candela das Durchschnittsalter des Publikums sichtbar.

Traf der Erfurter Rapper und Entertainer Clueso als Vorgruppe der Grönemeyer-Tour vielleicht nicht immer auf Anhänger seiner forschen Töne und frechen Texte, so war die «Jam» für ihn ebenso wie für die befreundete Band Blumentopf die ideale Spielwiese. Wo diese Bands Dancehall in ihren Stil mischen, hält der Bonner Eric Alain Wilson alias Nosliw es eher mit Soul- und Blueselementen. Die Berliner Band Ohrbooten wiederum mischt Reggae, Ragga und HipHop und traf am Sonntag, just als sich endlich auch summerjam-taugliches Wetter einstellte, voll den Nerv des Publikums.

Den mussten die Berliner Multikulti-HipHopper Culcha Candela beim vierten Summerjam-Auftritt in Folge erst gar nicht mehr suchen und gerieten trotz einsetzenden Regens am Sonntagabend zum krönenden Abschluss der Summerjam 2007, die mit der scharfzüngigen Reggaelady Tanya Stephens, Latino-Rapper Sean Paul, Reggae-Popper Maxi Priest und dem Dancehall-Feuerwerker Sizzla weitere Höhepunkte hatte.

Und während am Samstag die Musikstars rund um den Planeten zur Rettung unserer bedrohten Erde aufriefen, war die politische Botschaft der 22. Summerjam die gleiche wie bei der ersten Summerjam 1986 auf der Lorely: Frieden unter allen Völkern und Kulturen der Erde - so wie bei der Summerjam.

www.az-web.de/sixcms/detail.php?template=az_detail&id=242037


    Bericht vom 09.07.2007

Wahnsinn in der Stimme

Europas größtes Reggae-Festival - Der Summerjam am Fühlinger See

Gentleman überzeugt durch Lässigkeit, Beenie Man gibt sich richtig Mühe.

VON CHRISTIAN BOS

Es ist schwer zu glauben, aber auch in seinem zweiundzwanzigsten Jahr kann der Summerjam, Europas größtes Reggae-Festival, noch mit dem Debüt eines ganz Großen aufwarten. Horace Andy hat seit 1966 zahllose Platten eingespielt, sein schönstes Album, "Skylarking", veröffentlichte der Sänger bereits 1972. Doch ist Andy alles andere als ein Oldie-Act, was er am Freitag auf der kleinen Bühne am Fühlinger See eindrucksvoll beweist. In den 90er Jahren konnte Andy noch eine zweite Karriere als Gast-Sänger bei der britischen Trip-Hop-Supergroup Massive Attack starten - das verhinderte wiederholt den überfälligen Auftritt auf dem Summerjam. Andy besitzt immer noch diese Stimme - rau, hoch und durchdringend -, die man einfach in Vinyl pressen muss und deren Falsett wunderschön mit den weichen Klängen des Posaunisten kontrastiert.

Daran anschließend muss man natürlich zur großen Bühne wechseln, auch wenn 20 000 andere Besucher von der gleichen Idee bewegt sind. Schließlich hat der Gentleman - kölscher Jung und Deutschlands, wenn nicht Europas größter Reggaestar - neue Songs von seinem im August erscheinenden Album versprochen. Das vorige, "Confidence", schaffte es an die Spitze der deutschen Album-Charts und dürfte nicht ganz unschuldig daran sein, dass sich das Summerjam-Publikum wesentlich verjüngt hat. Obwohl sich der Gentleman von aufgeregten Dancehall- oder Hip-Hop-Rhythmen weitestgehend fernhält. Seine Liebe gehört dem klassischen Roots-Reggae, und dementsprechend entspannt verläuft sein Set. Seine Far East Band scheint jedes Jahr noch ein wenig seelenvoller aufzuspielen, hier kann man sich gefahrlos fallen lassen und dann umso heftiger hüpfen, wenn es doch mal zur Sache geht. Wer so lässig den Headliner geben kann, der ist in der Tat oben angekommen.

Zum Vergleich tritt am nächsten Abend der Beenie Man an. Der "King of Dancehall" singt seit seinem fünften Lebensjahr, hatte in seiner jamaikanischen Heimat mehr Hits als Bob Marley - und schmeißt sich trotzdem mit Hochdruck ans Publikum ran, als gäbe er hier sein Debüt. Kaum ein Dancehall-Klassiker, von "Murder She Wrote" bis "Ring The Alarm", wird ausgelassen. Jede Melodie von "Guantanamera" bis zum "Redemption Song", die auch noch in der letzten Reihe mitgesungen werden kann, wird bemüht. Und durch die eigenen Hits - Who Am I", "Girls Dem Suga", "Bad Man" - rattert sich Beenie Man im Kirmestechno-Tempo. Da kann man sich nur ergeben, die Hände in die Höhe werfen und mitfeiern.

Der Publikumsjubel übersteigt sogar noch den seines Bühnenvorgängers. Und das, obwohl Sizzla wahrscheinlich der am sehnlichsten erwartete Künstler des diesjährigen Summerjams ist. Weil der - dem strenggläubigen Bobo-Ashanti-Zweig der Rastafari-Religion zugehörige - Künstler sich weigerte, eine Erklärung zu unterschreiben, in der er versichert, schwulenfeindliche Äußerungen auf der Bühne zu unterlassen, fehlte er jahrelang auf dem Festival. Die in der jamaikanischen Gesellschaft tief verankerten steinzeitlichen Ansichten zur gleichgeschlechtlichen Liebe haben schon vielen Dancehall-Künstlern auf internationalem Parkett Ärger eingetragen. Auch der sich viel stärker am Mainstream orientierende Beenie Man musste auf Druck von Schwulen- und Lesben-Organisationen immer mal wieder Shows absagen. Und das völlig zu Recht.

Doch am Samstag bekommt man nur den begnadeten Entertainer Sizzla zu sehen, der seinen ganzen Wahnsinn in die Stimme legt und nicht in etwaige Äußerungen. Sizzla knödelt, bellt, falsettiert, singt wie ein Besessener, der tausend Kirschkerne ausspuckt. Beschimpft wird nur George W. Bush, eine sichere Nummer, wenn es darum geht, im Publikum größtmögliche Einigkeit zu erzielen.

Die Roots, die als letzter Act am Samstag auf der kleinen Bühne auftreten, widmen dem ungeliebten Präsidenten sogar eine ambitionierte Coverversion von Bob Dylans "Masters Of War". Die auch noch die amerikanische Nationalhymne und Jimi Hendrix' "Machine Gun" mitverarbeitet. Die Hip-Hopper aus Philadelphia finden auch auf einem Reggae-Festival ihre Zuhörer. Als Hip-Hop-Band konkurrieren die Roots seit Jahren nur noch mit sich selbst. Als Live-Band können sie es aber auch mit jedem anderen Genre aufnehmen. An diesem Abend hat die Band um Meister-Schlagzeuger "Questlove" noch einen virtuosen Tuba-Bläser in ihr Line-up integriert und schafft es so, noch drängender, noch dichter zu klingen als auf ihrer Tour im vorigen Jahr. Da bleiben nur offene Münder. Und die Frage, was eigentlich Reggae-Crossover-Superstar Sean Paul zur gleichen Zeit auf der Hauptbühne macht, bleibt leider unbeantwortet. 

www.ksta.tv

 Beicht vom 06.07.2007


    Bericht aus Rubriken stern.de

06.07.2007

"Summer Jam"-Festival

Warten auf Unity


Das Gelände rund um den Fühlinger See in Köln ist fest in der Hand der Rastas


Von Nadine Barth

Heute startet Europas größtes Reggaefestival zum 22. Mal. Seit Tagen campen die Fans schon am Fühlinger See - in der Nähe eines sozialen Brennpunktgebiets.

Schon ist der Countdown unter die magische Ein-Tages-Marke gerutscht. Seit Ende des letzten Summer Jams im Juli 2006 zählt die Uhr auf der Website www.summerjam.de rückwärts, ein eigens komponierter Song von Rastafahndung heizt die Ungeduld an. "Summerjam / is coming / oh gosh / you can see it comin’" intoniert etwa Kandiman, und Ephraim Juda rappt: "Lass uns gemeinsam gehen / Denn es ist Zeit für Unity / Ein Herz, ein Blut, ein Schicksal und ein Ziel / Auch dieses Jahr sind wir mit dabei / So wie die Liebe und die Polizei."

"Einfach nur in der Sonne sitzen und chillen"
Während im Fernsehen zurzeit der "Summer of Love" 1967 beschworen wird, mit Love & Peace & Flowerpower, zelebrieren die Reggaejünger ihren eigenen Liebessommer in der Endlosschleife. Statt an einer Strandbucht auf Jamaika eben in Köln, an der "Cologne Bay". "Ich will einfach nur in der Sonne sitzen und chillen", schreibt ein Mädchen im Jam Board, in dem nur "reggaestrierte Besucher" schreiben dürfen und in dem das ganze Jahr über diskutiert wird. Über das diesjährige Line-Up, über den besten Zeltplatz, über "Sinn und Unsinn". Und ob es ein Problem ist, "Shisha" auf dem Festival zu rauchen. Die Frage stellte ein User namens ShiShasmoka, der ohne seinen Fruchttabak nicht sein mag. Die anderen gaben Entwarnung, "no probs", keine Probleme, es gebe sogar ein marokkanisches Zelt, wo man Wasserpfeifen mit verschiedenen Geschmacksrichtungen ausleihen könne.

Dass möglichst nichts anderes auf dem Festival geraucht wird, darüber wacht die Polizei. Jedenfalls versucht sie es. An den Eingängen wird scharf kontrolliert, das Gelände mit seinen vielen Bäumen ist in steter Beobachtung, Zivilpolizisten mischen sich unter die Besucher. Natürlich ist es kein Geheimnis, dass in der Reggaeszene gerne mal ein Joint kreist. Die Veranstalter machen allerdings eindeutig klar, dass sie den Haschkonsum auf ihrem Festival nicht dulden. Auf der Website wird ausführlich erklärt, wie die rechtliche Situation ist. Im Programmheftchen steht: "Der Fühlinger See ist kein rechtsfreier Raum und ermittelte Personen erhalten Hausverbot!"
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"Culture clash" der besonderen Art
Dennoch sind es einige Hundert Konsumentendelikte, die in den drei Tagen des Festivals jedes Jahr zusammenkommen. Die meisten Verfahren werden wegen Geringfügigkeit eingestellt, alles unter 10 Gramm gilt für die Staatsanwaltschaft Köln als Eigenverbrauch und wird nicht weiter verfolgt. Ein größeres Problem stellen für die Polizei die zahlreichen Zelt-Diebstähle dar. So wird auch dieses Jahr der Schwerpunkt der Arbeit in die Nacht hinein verlegt, wenn es gilt, zusammen mit dem Sicherheitsdienst die entsprechenden Gruppen abzugreifen, die sich auf das Gelände schleichen wollen.

Als die Stadtväter in der Nachkriegszeit vor den Toren Kölns nach dem Bebauungsplan eine Ausdehnung nach Norden anvisierten, gaben sie ihr den vielversprechenden Namen "Neue Stadt". Nach den modernsten Erkenntnissen sollte eine zukunftsorientierte Arbeits- und Wohnstadt entstehen. Spatenstich war 1961, dementsprechend schnittig sehen viele Ecken aus, mit Betonbalkonen, Pressplatten und breiten Durchgängen. Das Bürozentrum wurde allerdings nie gebaut, es fehlte der Bedarf. In den 80er Jahren wurden viele Blöcke zu Sozialwohnungen umgewandelt, über ein Jahrzehnt lang war das Viertel eine der heißen Problemzonen der Stadt. Jugendgangs lieferten sich Schlägereien, Selbstmorde durch Hochhausstürze machten Schlagzeilen. Aus dieser Zeit hat Chorweiler seinen schlechten Ruf, gegen den es heute noch kämpft.

Mittlerweile ist das Viertel recht friedlich, es gibt mehr soziale Einrichtungen als im übrigen Köln, die meisten Häuser sind modernisiert, es herrscht eine freundliche, fast nachbarschaftliche Atmosphäre. Viele alteingesessene Bewohner lieben "ihr" Chorweiler, im "City Center", dem integrierten Einkaufszentrum, gibt es Modenschauen, Blumen-Ausstellungen und Kinderaktionstreffs. Hundert verschiedene Nationen zählt der Stadtteil, dennoch ist der jährliche Einfall der 20 bis 30.000 Festivalbesucher ein "culture clash" der besonderen Art.
 

"Summer Jam"

Das Festival findet vom 6. bis 8.7. 2007 am Fühlinger See in Köln statt. Tickets inklusive Camping kosten 90 Euro, ein Tagesticket nur für den Sonntag 50 Euro. An den drei Tagen werden Sean Paul, Gentleman, Sizzla, Beenie Man, T.O.K., Anthony B, The Roots, Ohrbooten, Blumentopf und viele andere Künstler auf der Bühne stehen.
Schlafsack, Isomatte und Jamaika-Fahne
Die meisten kommen mit der S-Bahn-Linie 11 vom Kölner Hauptbahnhof und stehen dann erst einmal etwas verloren an der Bushaltestelle, bis sie der Shuttle abholt oder sie sich entschließen, zu Fuß loszuziehen. Türkische Mütter mit Einkaufstüten huschen schnell vorbei, Rentner starren ungläubig, Kinder zeigen mit dem Finger auf die Dreadlocks, Mädchen mit bauchfreien Tops und Piercing kichern, und die Trinker am Kiosk lassen ein paar trockene Kommentare ab. Es ist eine selbstreferenzielle, kleinbürgerliche Welt, in der zwar multikulturell gelebt, das Summerjam-Motto "melting culture and style" aber nicht verstanden wird. Arbeitslosigkeit, Hartz IV und das alltägliche Überleben sind die Themen, nicht "One Love, One Nation, One Race, One Blood". Noch krasser wird es in den Vierteln, die sich an Chorweiler Richtung Park anschließen.

Zum See hin schrumpfen die Geschosse, wie eine abflachende Welle geht es nach Seeberg Nord und Seeberg Süd, fünf Stock, zwei Stock, bis zu den Einfamilienhäusern der Arbeiter, die seit 30 Jahren dort wohnen und deren Rasen gepflegter sind als auf einem Golfplatz. Die dunklen Dancehall-Bässe der Green Stage sind hier gut zu hören, und genau durch diese Viertel schieben die jungen Rastafaris nun ihre Einkaufswagen und Sackkarren. Beladen mit Schlafsack, Isomatten, Wasserflaschen und Bier, Bier, Bier.

Viele haben schon Dienstag und Mittwoch ihre Zelte aufgeschlagen, um sich die besten Plätze zu sichern - nah am Freibad, nah an der Festivalinsel und möglichst weit weg vom nächsten Dixie-Klo. Und da warten sie nun, im Stoßregen, mit Blick auf den See, der einst eine Kiesgrube war und mit dessen Schlamm Chorweiler gebaut wurde, und zählen die Stunden, die Minuten, bis zum großen Fest, sie haben die Jamaika-Fahne gehisst, überall grün, gelb, rot, Respekt, Toleranz und Unity. Um 15 Uhr ist es soweit, Jagga Bites Combo wird den Reggae-Reigen eröffnen, Summer Jam is coming, oh yeah...
 

 Bericht vom 03.07.2007

  Bericht aus www.stadt-koeln.de

Freitag, 29. 06. 2007, 08:00  Uhr


12. Reggaefestival am Fühlinger See

Oranjehofstraße wird gesperrt – Bürgertelefon für die Anwohnerinnen und Anwohner

Auch in diesem Jahr - und damit bereits zum zwölften Mal - findet in Köln wieder Europas größtes Festival für Reggaemusik statt: Vom 6. bis 8. Juli 2007 werden auf der Freizeit- und Erholungsanlage Fühlinger See erneut rund 25.000 Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt erwartet, um in unvergleichbarer Atmosphäre international bekannte Künstler und Musikgruppen der Reggaeszene zu erleben.

Wie auch in den vergangenen Jahren ist das Festivalgelände in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Auf der Festival-Insel gibt es zwei große Bühnen, zwei Musikzelte, diverse Service-Einrichtungen und einen großräumig angelegten Markt mit Händlern aus ganz Europa. Daran schließt sich das Campingareal für die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung an. Beide Bereiche können nur mit Eintrittskarten betreten werden.

Das bestehende Schallschutzkonzept wurde von der Stadt Köln in Zusammenarbeit mit dem TÜV-Rheinland und dem Veranstalter des Festivals überarbeitet, um für die Anwohnerinnen und Anwohner einen weitgehenden Schallschutz zu garantieren.

Wegen der Vorbereitungsarbeiten und wegen des zu erwartenden großen Besucherandrangs wird die Oranjehofstraße, von der Neusser Landstraße bis zur Edsel-Ford-Straße, ab Mittwoch, 4. Juli, 12 Uhr, bis Montag, 9. Juli, 15 Uhr, für Kraftfahrzeuge gesperrt. Durch Hinweisbeschilderungen werden die Festivalbesucher von der Autobahnanschlussstelle Köln-Niehl zur Parkfläche am Bergheimer Weg geleitet; von dort aus fahren Sonderbusse zum Fühlinger See.

Während der Veranstaltung bleibt der Zugang zum See im Bereich des Ortsteils Fühlingen nach wie vor möglich. Aufgrund der schwierigen Parkplatzsituation wird geraten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Die Verkehrsüberwachung der Stadt Köln wird an allen Veranstaltungstagen im Bereich des Fühlinger Sees verstärkt kontrollieren. Trotzdem kann es in den Stadtteilen nahe des Sees zu Verkehrsbeeinträchtigungen kommen.

Die Stadt Köln hat ein Sondertelefon eingerichtet, an das sich die Anwohnerinnen und Anwohner mit Fragen, Wünschen und Beschwerden wenden können; die Rufnummer lautet 0221 / 70930-15. Diese Nummer ist ab Mittwoch, 4. Juli 2007, bis zum Abschluss der Veranstaltung erreichbar.

Stadt Köln - Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Jürgen Müllenberg

Berichte 2006

Fühlinger See schillerte in Rot-Grün-Gelb

KÖLN. Um den Nachwuchs muss sich hier keiner Sorgen machen. Auch wenn viele der Rasta-Heroen aus Jamaica schon vergreist oder in die Ahnengalerie eingegangen sind: Den Großteil der 25 000 Besucher beim größten Reggae-Festival Europas stellen immer wieder junge Leute. Der dreitägige „Summerjam“ am Fühlinger See im Kölner Norden ist der beste Beweis für die Lebendigkeit des jamaikanischen Gute-Laune-Genres, das neben etablierten Szene-Größen fortwährend neue Talente hervorbringt.

Viele Reggae-Neulinge verlassen dabei ausgetretene Wege und sind erfolgreich mit Kombinationen von HipHop, Ska und dem von der elektronischen Musik beeinflussten Ragga. Wie gut diese neuen Talente sind, demonstrierte eindrucksvoll die Band Panteón Rococó, die das Publikum am Freitagabend vor der großen Bühne in einen kollektiven Hüpf-Rausch versetzte. Zu Reggae-und lateinamerikanischen Rhythmen gesellen sich in den politischen Protest-Songs der elf Musiker aus Mexiko-Stadt schnelle Punk- und Ska-Elemente, die die Musik von Panteón Rococó ungemein beschleunigen.

Die Mexikaner erreichten mit ihrem umjubelten Auftritt sicherlich die höchsten Schlagzahlen des gesamten Festivals und forderten dem Publikum gleich zu Beginn des sonnig-heißen Wochenendes einen großen Teil seiner Energie ab. An diesem Abend hatten die Summerjam-Besucher aber nur kurz Zeit, sich auszuruhen, denn nur wenig später sollte Elephant Man die Beats pro Minute ebenfalls in die Höhe jagen. Der exzentrische Dancehall-Star aus Jamaica zählt zu den bekanntesten Vertretern der discotauglichen Version von Reggae.

Gemächlicher fanden die Festival-Fans dann in den Samstag, der mit Morgan Heritage und Luciano zunächst zwei ganz bodenständige Meister des Roots-Reggae aufbot. Währenddessen zog es aber besonders die rot-grün-gelbe Jugend an die zweite Bühne. Hier reimte der Hamburger Rapper Jan Delay seine Verse auf den Rocksteady-Beat und verlieh dem klassischen Reggae mit deutschen HipHop-Texten eine neue Farbe. Die markant nasale Stimme des Frontmanns der Absolute Beginner dürfte einigen von seinem Nena-Cover „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“ noch gut bekannt sein.

Ein schweres Erbe traten später die beiden Bob Marley-Söhne Damian und Ziggy an. Diese Last wollte ihnen das Publikum schon vor ihren Auftritten mit frenetischem Jubel von den Schultern nehmen. Als dann noch neben den eigenen Songs alte Hymnen des Vaters angestimmt wurden, waren die Reggae-Fans für den zweiten Tag mehr als zufrieden.

Mit Alt-Star Jimmy Cliff und der französischen Rap-Combo Saïan Supa Crew bot das Summerjam auch am Sonntag zwei Topacts für die Fans jeden Alters.


 


 
 
 

 
 
 

Drei Tage „Summerjam“ am Fühlinger See

Söhne berühmter Väter sind die Stars bei der 21. Ausgabe des „Summerjam“- Festivals vom 14. bis 16. Juli am Fühlinger See. Mit Ziggy Marley und Damian „Jr. Gong“ Marley, treten der älteste sowie der jüngste Sohn des vor 25 Jahren verstorbenen Bob Marley auf. Und Andrew Tosh ist der Sohn von Peter Tosh, der mit zur ersten Formation der legendären Wailers gehörte.

Zur alten Generation der Reggaeszene Jamaicaszählen die Gladiators, die Mighty Diamond, Toots & The Maytals sowie vor allem Third World und Jimmy Cliff, die in den Vorjahren schon mal die Fans beim Festival in Köln begeisterten.

Erstmals mit auf den beiden großen Bühnen und in den beiden Partyzelten sind Elephant Man, und Lady Cecile aus Jamaika dabei. Ebenso Tiken Jah Fakoly von der Elfenbeinküste, der dort als das „musikalische Sprachrohr“ der Jugend gilt und die Companeros aus Mexico, die lateinamerikanische Klänge mit Punk-, Ska- und Reggae-Elementen vermischen.

Aus Deutschland sind im dreitägigen Programm mit mehr als siebzig Sängern und Bands neben dem Kölner Lazy Youth noch Joy Denalane und Patrice Martin Jondo dabei, Jan Delay und die Berliner Combo Culcha Candela.

Das Drei-Tage-Ticket kostet einschließlich der Nutzung des Campingplatzes 79 Euro. Tagestickets gibt es nur für den Sonntag und nur an den Kassen am Festivalgelände. Kinder unter zwölf Jahren haben freien Eintritt. (NR)


 


 
 

 

Bericht aus Kölner Stadt Anzeiger 14.07.2006


Die Party vor der Party

Schon lange vor dem Summerjam wird gezeltet, gefeiert und getrunken

25 000 Besucher werden zum Summerjam erwartet - Experten sicherten sich schon Anfang der Woche die besten Plätze.

VON KERSTIN MEIER

Kiffen, knutschen, Sonnenbrand? Nicht mit Daniel (19) und Manuel (20) - noch nicht. Denn so ein Summerjam muss generalstabsmäßig vorbereitet werden. Deswegen sind die beiden schon am Mittwoch aus Münster gekommen, um sich auf dem Festivalgelände Premium-Plätze zu sichern. "Das letzte Mal mussten wir immer fünf Kilometer laufen, dieses Mal sind wir schlauer", sagt Manuel und lehnt sich zufrieden in seinem Campingstuhl zurück. Jetzt gibt es erst mal eine Grüne-Bohnen-Suppe mit Wurst und eine gepflegte Partie Schach. Kein Zweifel: Hier sind Denker am Werk, hier wird nichts dem Zufall überlassen. Im gelben Müllbeutel stapeln sich die leeren Raviolidosen, nebenan im Versorgungszelt lagern noch ein paar Paletten. Könnte ja sein, dass es zu ernsten Engpässen kommt. "Take me to the Matador" knödelt Garland Jeffreys aus dem Kassettenrekorder, ein Vorzelt spendet Schatten. So sieht das Jungsparadies aus - "nochmal so richtig chillen nach dem Abi, bevor der Zivildienst losgeht", sagt Manuel.
Bei den beiden Daniels aus Weeze sind Mädchen zumindest theoretisch vorgesehen. Jeder aus der Weeze-Clique hat ein eigenes Zelt, "könnte ja sein, dass man jemanden kennen lernt", grinst der erste Daniel. Seit Donnerstag sind die Jungs schon hier und haben ihre Klappstühle im Fühlinger See aufgebaut. So bleibt auch das Bier kühl - "perfekt", seufzt Daniel Nummer zwei glücklich und gießt sich eine Flasche über den Kopf. Er hat am Freitag Geburtstag, also wird heute reingefeiert, sagt er. "Ja und morgen wieder rausgefeiert", ergänzt Daniel Nummer eins. "Und dann noch nachfeiern!" ruft jemand von den hinteren Plätzen. Der Weezer versteht vom Feiern offensichtlich mindestens genauso viel wie der Kölner, und ein bisschen Ahnung von Musik hat er auch: "Patrice, Jan Delay und Elephant Man" sind die Künstler, auf die sich die Jungs am meisten freuen - sofern sie es zwischen dem Feiern überhaupt mal vor eine der Bühnen schaffen sollten.
Klaus ist nicht zum Spaß hier, und das kann auch ruhig jeder wissen: "Das sind zwölf, dreizehn Stunden am Tag richtig Stress", sagt er. Schweißperlen laufen in kleinen Rinnsalen von seiner Glatze. Klaus baut die Bühne auf, und für Reggae interessiert er sich "nicht so". Jetzt muss er weiterbauen, damit morgen alles steht. Alles klar, "viel Spaß" mag man in diesem Fall nicht wünschen. Auch Karl-Heinz Brozi ist total im Stress. Ständig klingelt das Handy des lokalen Veranstalters des Summerjam. Ob "P1" schon geöffnet werden darf, soll ein Pressefuzzi reingelassen werden, und steht im "Sir Benni Miles"-Zelt schon alles? Zwischendurch hat Herr Brozi Zeit, zu erzählen, dass die ersten Camper schon am Montag da waren. Inzwischen sind schon 10 000 auf dem Gelände am Fühlinger See, insgesamt werden es 25 000 schätzt Brozi. Und noch eine beeindruckende Zahl hat er parat: 40 000 bis 50 000 Liter Getränke werden auf dem Summerjam verkauft. Toiletten gibt es etwa 600, "keine Dixie-Klos auf dem Veranstaltungsgelände, weil Spaßvögel die schon mal umschmeißen", erklärt Brozi.
Währenddessen strömen immer mehr Menschen mit Rucksäcken, Campingkochern und Schlafsäcken auf das Gelände. Am Wegesrand versuchen Robert (19) und Marcel (20) ihre selbst gemachten Buttons loszuwerden. Ihre gesammelte Kieler WG ist nach Köln gekommen, "in nur acht Stunden getrampt, mit dem ganzen Krempel!", sagt Robert. Auch Marley versucht sich als Verkäufer. "Ich heiße echt so!" beteuert er und versucht mir einen "Energy-Ball" anzudrehen, den er mit ein paar Kumpels für 50 Cent verkauft - fünf Stück gibt es für zwei Euro. "Geheimrezept", grinst Marley und versichert, dass der Artikel für die Zeitung mit einem "Energy-Ball" gleich doppelt so gut wird. Gekauft!

Kühle Füße und kühles Kölsch - die jungen Männer aus Weeze wissen, wie man feiert.

Es kann losgehen: Die Zelte stehen, die Frisur sitzt.
 

Danielle aus Dänemark findet hier alles "voll von Liebe und Frieden".
 

Auf den Zeltplätzen wird schon lange gefeiert, aber hinter den Kulissen noch schwer geschuftet. BILDER: CHRISTOPH HENNES


Summerjam
Friedliche Massenparty am See

 
Reggae-Star Martin Jondo begeistert die Massen.
Foto: Fouad

Köln – So viele Straftaten pro Quadratmeter gibt’s in Köln nur einmal im Jahr – beim Summerjam am Fühlinger See. Auf der Party-Meile zwischen den Bühnen des Reggae-Festivals wabert der Cannabis-Geruch in fast jeder Ecke.

Doch man nimmt’s locker. „Es geht auch ohne Kiffen“, sagt Julia Teufel (21) aus Stuttgart, während sie an der Wasserpfeife unter dem Beduinenzelt zieht – völlig legal.

Etwas mehr Sorgen macht sich Christoph (24) aus der Nähe von Dortmund. Der blonde Rasta-Kopf macht am Computer des Drogen-Infobusses den „Kiffertest“. Das Ergebnis – er sollte zukünftig besser auf die Tüte verzichten. Genau dafür wirbt man an der Aufklärungsstation, bei der es auch Kondome gratis gibt.

25.000 junge und (erstaunlich viele) alte Reggae-Fans feiern noch bis am Sonntagabend. Die Ordnungskräfte sind zufrieden. „Ein friedliches Massenfest“, so ein Polizeisprecher am Samstag.
 

 

 



08.12.2005
Ressort: QS
Plädoyer für Reggae-Fest
Stadt zog ausführlich Bilanz zum Summer Jam
 

Die Veranstaltung ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für den Kölner Norden und die gesamte Stadt.

VON OLIVER GÖRTZ

Chorweiler - Einen geradezu euphorischen Bericht zum Verlauf des Reggae-Festivals Summer Jam am Fühlinger See hat die Verwaltung der Bezirksvertretung Chorweiler jetzt vorgelegt. Ob in Bezug auf die Sicherheit, das Müllaufkommen oder den Drogenkonsum der Konzertbesucher - die Stadt befand nahezu alle untersuchten Punkte als "völlig unproblematisch." Die Stadtteilparlamentarier begrüßen das nun erschienene ausführliche Resümee.

"Wir sind froh über den Bericht", sagte CDU-Fraktionsvorsitzende Lidwina Lierenfeld-Welter. "Wir haben immer noch mit Vorurteilen innerhalb der Bevölkerung zu kämpfen, weil wir das Festival auch in Zukunft wollen", so die Politikerin in Anspielung auf starkes Müllaufkommen und hohen Drogenkonsum der Besucher in den Vorjahren. Auch die SPD begrüßte den Report. Fraktionschef Jürgen Kircher regte an, die Takte der eigens eingerichteten Shuttle-Busse künftig mit dem Spielplan des Festivals abzustimmen, um Wartezeiten an den Haltestellen zu minimieren und so die Müllverschmutzung auch dort zu verringern.

Mehr als 35 000 Besucher aus der ganzen Welt zog die Veranstaltung in diesem Sommer an, um "der Reggae-Musik friedlich zu lauschen", heißt es in dem Report. In Bezug auf die Sicherheit habe der Veranstalter die Auflagen von Polizei, Feuerwehr und Ämtern "in vollem Umfang erfüllt." Professionelle Drogenberater von Bund, Land und Stadt standen den Gästen zur Seite, die von Besuchern "sehr positiv aufgenommen" worden seien. Vor, während und nach dem Festival entnommene Gewässerproben ergaben, dass die Belastung des Fühlinger Sees in der Zeit "nicht höher als an einem normalen Bade-Wochenende" war. Die Nutzung der rund 400 zusätzlich aufgestellten Toiletten war erstmals gratis, weshalb sich nur wenige im Gebüsch erleichtert hätten. Das vom Veranstalter bezahlte Müllkonzept habe sich weiter verbessert, so dass sich das Gelände nach dem Festival "in einem saubereren Zustand befindet, als zu vielen anderen Zeiten im Jahr", so die Verwaltung.

Der Bericht schließt mit dem Hinweis auf die wirtschaftliche Bedeutung des Summer Jams. Die Musik-Fans hätten etwa Gewerbebetrieben aus umliegenden Stadtteilen sowie Taxi-Unternehmen, Hotels oder Tankstellen und sogar der Stadt - über Verwarngelder - "erhebliche Einnahmen" beschert.

 

Mehr als 35 000 Besucher aus der ganzen Welt hatte das Reggae-Festival am Fühlinger See im Sommer angelockt - jetzt zog die Stadtverwaltung Bilanz. ARCHIVBILD: KNIEPS


 

Berichte  2005 

 


 
 
 

Die Farben Jamaikas leuchten am Fühlinger See

Musikfestival mit Campingatmosphäre: 25 000 Fans beim „Summerjam“-Start.

Die Hände zum Himmel und im Rhythmus der Reggae-Songs mit den Hüften wackeln. So starteten einige tausend Fans rund um die beiden Hauptbühnen am Fühlinger See ins „Summerjam“-Wochenende. Rund 25 000 Reggae-Fans, die aus ganz Europa angereist waren, pendelten schon am Auftakttag zwischen Campinggelände und Open-Air-Bühnen, zwischen Musikzelten und einem bunten Markt hin und her. An den Ständen dominierten rot, gelb und grün, die Symbolfarben des aus Jamaika stammenden Musikstils. Genau wie in den vergangenen 20 Jahren. Die T-Shirts, Mützen und Tücher scheinen zeitlos modern - oder einfach nur stets neben dem Trend. So lebt Bob Marley auf Hunderten bunter Hemdchen weiter, während seine musikalischen Nachfahren mit stampfenden Schritten über die Bühne hopsen. „Unsere Musik ist stärker als der Regen“, säuselte Anthony Locks in einer Art Sprechgesang ins Mikrofon, als sich ein Schauer verzogen hatte. Die Fangemeinde vor der Bühne glaubte ihm und jubelte. (NR)

Bis Sonntag wechseln sich 33 Gruppen und Sänger auf den Bühnen ab. An den Eingängen zum Festivalgelände gibt es noch Wochenendtickets für 80 Euro und Tagestickets (nur Sonntag) für 50 Euro.


 


 

 



04.08.2005
Ressort: EN
JUNGE ZEITEN
Tausende jammten einfach drauflos
 

A ngekommen am Campingplatz Fühlinger See, gönnt man sich sein erstes Bier am Seeufer, lässt die Beine im Wasser baumeln, und zum ersten Mal wird einem bewusst, dass der "Summerjam 2005" begonnen hat. Nun erkundet man das Reggae-Festivalgelände. Nebenan wird mit Bongos und Flöten gejammt, während unser äthiopischer Freund Daniel afrikanischen Schmuck verkauft.

Die Besucher kommen aus der ganzen Welt, haben unterschiedliche Hautfarben und sprechen verschiedene Sprachen. Doch auf dem Festival gibt es nur eine Sprache: die Musik. Überall auf dem Campingplatz gibt es die Möglichkeit, sich zu einer Gruppe zu setzen, sich ein Instrument zu nehmen und drauflos zu jammen.

Daraus entwickeln sich schnell Freundschaften. Aus der kleinen Gruppe entsteht bald eine große Familie, in der zusammen gelacht, getanzt und gefeiert wird. Geruchsempfindliche Menschen sollten sich allerdings vom Festival fern halten, da das Parfüm des "Summerjam" nicht mit dem von Hugo Boss zu vergleichen ist. Vielmehr besteht es aus einer Mixtur aus Schweiß-, Abfall-, Toiletten- und Grasgeruch, wobei letzterer wahrscheinlich noch der angenehmere ist.

 

Neue Familien

Wenn einen der Hunger packt, macht man sich über seine Vorräte her. Von geschmolzenem Käse und verformten Schokoriegeln lässt es sich gut leben. Der abendliche Grillschmaus wurde mit der Entdeckung eines kometenähnlichen Objektes am Himmel bereichert, das übrigens keine Einbildung war.

In der Nacht wird dann mit der neuen Familie getrunken und gefeiert, wobei der Begriff Familie gar nicht mal so abwegig ist, da auch viele Kinder mit ihren Eltern das Festival besuchen. Manche haben sogar ihre Hunde mitgebracht. Fraglich ist allerdings, ob sich Hunde und Kinder zwischen gut 20 000 Menschen wohl fühlen.

Selbst die geschundene Brieftasche, die durch Ticket, Anfahrt und Verpflegung gequält wurde, ließ sich mit dem Einsammeln von Pfandbechern wieder ein wenig füllen. Bis auf ein unnötig hohes Polizeiaufgebot und dem Geruchschaos war der "Summerjam 2005" wohl für jeden ein unvergessliches Erlebnis.

Der große Fühlinger See und die Festivalinsel sind wohl die beste Location, um das größte Reggae-Festival in Europa zu feiern. Ein wenig Traurigkeit überkam wohl jeden auf dem Nachhauseweg, doch eines ist sicher: Nächstes Jahr treffen sich alle Reggae-Fans wieder, um den Mythos "Summerjam" erneut aufleben zu lassen. - Jah bless U!

SEBASTIAN MEIER

 



16.07.2005
Ressort: LO
Reggae wirkt auch ohne Rausch
Drogenhilfe klärt bei Festivals über Risiken legaler und illegaler Drogen auf
 

Seinen dritten Einsatz hatte das Team des Projektes "an.sprech.bar" beim Festival "Summerjam".

VON DAVID WALDEN

Köln - Sonne, Wasser, Party. Da, wo sonst Familienväter Rippchen grillen, feiern junge Leute sich und den Reggae. Bis nichts mehr geht. Zum 20. Mal in Folge lockte das "Summerjam" Festival Tausende an den Fühlinger See. Was in der Szene als Top-Event gepriesen wird, beobachten Sozialarbeiter und Ordnungshüter mit Sorge. Sie beklagen den starken Cannabis-Konsum bei "Summerjam".

Vor allem am Anfang des "Summerjam" galt: Reggae und "Weed", also Marihuana, gehören einfach zusammen. Das sollte sich ändern. Die "Summerjam"-Veranstalter gingen in die Offensive und luden die Drogenhilfe Köln ein. Der Verein leistet bei dem Festival seit drei Jahren Aufklärungsarbeit: Reggae berauscht auch ohne Drogen. Die Erfahrungen sind so positiv, dass das Programm in diesem Jahr auf weitere Veranstaltungen ausgedehnt wird: Mit Unterstützung der Aktion "wir helfen" wurden im Rahmen des neuen Projektes "an.sprech.bar" junge Leute geschult, die als "Peers" Gleichaltrige oder Jüngere da erreichen, wo sie unter sich sind. Die Peers unterscheiden sich von den Festival-Besuchern nur in einem Punkt: Sie wissen besser Bescheid.

Während auf dem Festivalgelände sonst Reizüberflutung droht, ist auf dem Areal der Drogenhilfe alles ein wenig leiser und entspannter. Im "Chill-out-Bereich" können sich die Besucher ein schattiges Plätzchen suchen. Im Bus und an den Ständen gibt es Drogeninfos. Dort erfährt man alles über Substanzen und Risiken. Auf dem Alkohol-Kärtchen steht zum Beispiel: "Mögliche Folgen bei regelmäßig starkem Konsum: Schädigung sämtlicher Körperorgane, Störungen des Nervensystems und der Gedächtnisfunktionen." Zu Cannabis erfährt man: "Bei chronischem Konsum besteht die Gefahr von Realitätsverlust; möglich ist auch eine Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses und der Motivationsfähigkeit. "

Die fünf Peers von "an.sprech.bar" werden stets durch mehrere Experten der Drogenhilfe unterstützt. Fragen, auf die Peers keine Antwort wissen, oder Härtefälle mit psychischen Problemen werden an diese Fachleute weitergeleitet. "Das sind hier Leute, die Zeit und Lust haben zu reden", sagt Eike im "an.sprech.bar"-Zelt. "Und die Brillen sind toll." Die "Rauschbrillen" simulieren einen Alkoholrausch. Wahlweise mit 0,7 oder 1,7 Promille. So merkt man, wie dramatisch sich Wahrnehmung und Koordinationsfähigkeit unter Alkohol verändern. Für Eike ist das besonders interessant. "Ich war noch nie betrunken, ich kann den Alkohol-Geschmack nicht ab." Lara (17) hat dagegen schon einschlägige Erfahrungen. "Die Wirkung ist glaubwürdig", attestiert sie den Brillen. Solche Angebote sind wichtiger Bestandteil des Projekts: Die Wirkungsweise von Drogen wird auch spielerisch vermittelt - weil Moralpredigten eh nichts bringen.

Sogar dem "Kiffertest" hat sich Lara (Name geändert) an einem der Computer-Terminals im Drogen-Info-Zelt unterzogen. Fragen zu ihrem Suchtverhalten beantwortet sie per Multiple Choice. Die Auswertung erfolgt sofort und bildet die Basis für ein persönliches Gespräch. Und das ist oft im wahrsten Sinn des Wortes "not-wendig". "Ich hab´s unter Kontrolle", behauptet die 17-Jährige. "In wichtigen Phasen kiff´ ich in der Schule nicht." Aber das rechte Problembewusstsein fehlt ihr eindeutig: "Später werde ich bestimmt mal angetrunken oder bekifft fahren. Das lässt sich halt nicht vermeiden." Gut, dass sie hier Gesprächspartner hat, die ihr klar machen können, was auch in einem Faltblatt steht: "Verzichte unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen auf das Lenken von Fahrzeugen. Bring dich und andere nicht in Gefahr." Folder und Karten-Set enthalten zudem klare Sätze über die Rechtslage - neben detaillierten Informationen zu Wirkung, Gefahren und Zusammensetzung - sowie Safer-Use-Tipps wie: "Trinke nicht aus Langeweile Alkohol oder wenn es dir schlecht geht."

Das Info-Paket "Partypack" richtet sich in erster Linie an Konsumenten und will sie dazu bringen, ihre Gewohnheiten ehrlich zu überdenken. Die Infos sollen keinesfalls als Anreiz missverstanden werden, Rauschmittel auszuprobieren. "Die Peers haben die Order, kein Infomaterial an Kinder zu geben", erläutert Ralf Wischnewski von der Drogenhilfe Köln. Besonders auf das Info-Set gibt es viel positive Resonanz. "Da steckt ´ne ganze Menge Wahrheit drin", räumt Lara ein. Bereits 1500 Pakete wurden bis zum Sonntag an die Festivalbesucher gebracht.

Die Konsequenzen des Leichtsinns hat einer von Laras Freunden am eigenen Leib erfahren. Bei Timo fand der Security-Dienst Marihuana und gab den jungen Mann an die Polizei weiter. "Selbst schuld. Der ist viel zu verplant", urteilt Lara.

Auch die Künstler tragen ihren Teil zur Drogen-Debatte bei. Wieder mal lässt es sich der aus Köln stammende Gentleman nicht nehmen, seine "Legalize it"- Forderung lautstark unters Publikum zu bringen. Diesen Appell, "weiche" Drogen, vor allem Haschisch und Cannabis, leichter zugänglich zu machen - wie Alkohol und Zigaretten -, quittierte das Publikum mit Jubel. Nicht wenigen stieß jedoch die massive Werbung von Sponsoren auf, die Tabak großzügig verschenken: Dass das bei Festivals üblich ist, gibt zu denken.

Die an.sprech.bar"-Aktion endet nicht mit Summerjam. Auf vielen weiteren Festivals werden nicht nur wieder Musikfans, sondern auch das Team der Drogenhilfe ihre Zelte aufschlagen - mit Infos zu legalen und illegalen Substanzen.

 

Mit der Rauschbrille durch den Parcours: Da merkt man, wie sich Wahrnehmung und Reaktionsfähigkeit unter Alkohol verändern. Die Drogenhilfe vermeidet bei ihrem Festival-Präventionsprogramm moralisierende Appelle. BILD: GRÖNERT

 

Noch 2003 stand die Zukunft des "Summerjam" wegen des hohen Konsums "weicher" Drogen wie Cannabis auf dem Spiel. Nach 527 Delikten (2003) und 385 (2004) registrierte die Polizei diesmal 440 Verstöße. Allerdings waren im Vergleich zum Vorjahr diesmal rund 10 000 Besucher mehr vor Ort. Insgesamt, teilte die Polizei mit, sei das Szenario "absolut friedlich und gewaltfrei" gewesen.

Die nächsten Festivals, bei denen sich das "ansprech.bar"-Team bereit hält: "S.O.M.A" (22./23./24. Juli im Jugendpark); Veranstaltungen im Rahmen der c/o Pop ("Monsters of Spex" am 26./27. August im Jugendpark und Poller Wiesen am 28. August). Infos zu Drogen und Risiken auch unter:

www.partypack.de

 

Das Team der Gruppe "ansprech.bar" mit Rauschbrille: junge Leute, die selbst gerne feiern.

BILD:

RAKOCZY


 



14.07.2005
Ressort: LE
JUNGE ZEITEN / Eindrücke vom 20. "Summer Jam" am Fühlinger See
Mit der Meute immer im Takt
Reggae ohne Ende - Und auch hier ging kaum etwas ohne "Helga"
 

20 Jahre Sommer und Sonne, Regen und Reggae - und kein Ende in Sicht. Rund 30 000 Fans tummelten sich am vergangenen Wochenende beim 20. "Summer Jam" am Fühlinger See. "junge Zeiten"-Mitarbeiter Bastian Zabelberg war mit von der Partie.

Donnerstagabend 18 Uhr: Ankunft am Zeltplatz. Manche sind schon seit gestern hier. Wir fangen erst mal an, unsere Zelte aufzubauen. Nachdem dies mit leichten Schwierigkeiten bewältigt ist, beginnen wir das Umfeld zu erkunden. Beim Marsch durchs Gelände wirkt die Umgebung etwas unwirklich: Überall Zelte, die dicht gedrängt kaum Platz zum Durchgehen lassen und manche Stolperfalle bereit halten. In dem Gewirr von Stangen, Schnüren und Häringen wuseln geschäftig Leute umher.

Vielerorts steigt Rauch auf, hauptsächlich verursacht von den Grills, die trotz Verbots zahlreich mitgebracht wurden. Längs der Wegschneisen wird an kleinen Ständen selbst gemachter Schmuck oder Essbares angeboten. Aber auch etliche Zelte voller Turn-Tables und Boxen, aus denen ständig Reggae-Rhythmen schallen und vor denen sich tanzende Menschentrauben bilden, gehören zum Festival-Alltag.

 

Ohne Wertsachen

Unser Weg führt uns zum P 2, dem Parkplatz, auf dem sich die Kassen, das Frühstückszelt und der Schließfach-Truck befinden. Zunächst tauschen wir unsere Karten gegen Armbändchen ein, die einem später ermöglichen, das eigentliche Festivalgelände zu betreten, welches sich auf die Regatta-Insel beschränkt. Dann beschäftigt uns der Schließfach-Truck - näher betrachtet eine wirklich gute Idee. Denn wer nicht alle Wertsachen mit sich rumschleppen will, wäre sonst gezwungen, diese im Zelt zu lassen - nicht gerade der sicherste Ort.

Von einigen Jugendlichen hören wir, dass der Truck aufgebaut wurde, weil es in den vergangenen Jahren immer wieder Zwischenfälle gab. Dabei seien aber meist Jugendliche aus dem nah gelegenen Köln-Chorweiler beteiligt gewesen (die Festivalbesucher scheinen uns eher friedlich zu sein). Wir bewegen uns, durch diese Geschichten leicht beunruhigt, wieder in Richtung unseres Zeltplatzes und können kaum den nächsten Tag erwarten, an dem es endlich losgeht.

Am Freitagmorgen beschließen wir, ungeachtet des etwas unfreundlichen Wetters, erst mal einen kleinen Abstecher zum See zu unternehmen und trotz des Verbots eine Runde Schwimmen zu gehen. Aber dies eigentlich auch nur, weil die einzigen Duschen die des Freibads sind. Durch ihre Rarität und Lage inmitten des dichtesten Zeltgedränges sind sie stark frequentiert und sehen entsprechend aus - nicht gerade einladend. Erst gegen Mittag machen wir uns auf den Weg zum Festivalgelände. Unterwegs tönen aus allen möglichen Richtungen "Helga"-Rufe, die sich, wenn einer anfängt, wie ein Lauffeuer ausbreiten. Auf die verwunderte Frage, was denn das "Helga"-Rufen solle, antwortet man uns, dass hier vor einigen Jahren ein Mann seine Frau Helga gesucht habe und seitdem sei "Helga" rufen eine Tradition. Seltsam, fällt uns ein, bei "Rock am Ring" gab es angeblich auch jemanden, der seine Frau Helga gesucht hat. Und auch dort ist der "Helga"-Ruf geradezu zum Kult geworden. Der wahre Ursprung dieser Tradition, vermuten wir, wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

Auf dem Gelände angekommen zieht es uns natürlich erst mal zu einer der zwei Bühnen, auf der beinahe non-stop Reggae-Größen ihre Hits zum Besten geben. Auf der großen Bühne hat am ersten Abend die Berliner Band "Seed" ihren Auftritt. Wir versuchen, die Bühne zu erkennen, aber die riesige Menschenmenge vor uns macht es uns schwer. Beim Versuch, weiter nach vorne zu gelangen, geraten wir nur immer dichter ins Geschiebe. Dann beginnen die Lautsprecher zu dröhnen und das Gedränge ist plötzlich egal, denn die Meute um uns springt und tanzt im Takt. Jetzt die Bühne zu erkennen ist unmöglich, ohne selbst zu springen und so lassen wir uns mitreißen.

Als wir gegen 2 Uhr nachts zu unserem Zelt zurückkehren, wundern wir uns, dass dort ein Licht brennt. Ob sich da jemand an unseren Sachen zu schaffen macht? Nein, es ist nur eine Fackel, die unsere Zeltnachbarn für uns aufgestellt haben, damit das Zelt "ein bisschen bewohnter aussieht". Begeistert von soviel Fürsorge legen wir uns erst mal schlafen, um am nächsten Morgen in einem Zelt, das eher einer Sauna gleicht, aufzuwachen.

Zum Glück haben wir ja was gegen die Hitze und so machen wir uns auf zum See. Wieder auf dem Festivalgelände begutachten wir das Wasserpfeifen-Zelt, in dem man sich auf Kissen setzen, Wasserpfeife rauchen und Tee trinken kann. Das Ganze kann zwar etwas dauern und man muss die Jungs hinter der Theke schon mal dran erinnern, dass man gerade was bestellt hat. Aber es ist doch eine angenehme Möglichkeit der zwischenzeitlichen Entspannung.

 

Abschiedslied

Am Sonntagabend schließt das Programm stilvoll: Der Moderator, der die Summer Jam seit 20 Jahren moderiert und seine Dreadlocks mindestens genauso lange wachsen lässt, gibt sich die Ehre, zum 20. Geburtstag ein Lied mit dem Publikum zu singen, und welches wäre ein schöneres Abschiedslied als "Redemption Songs" von Bob Marley.

Als dazu dann das Feuerwerk über dem Fühlinger See beginnt, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Da kann auch der aufkommende Regenschauer nichts dran ändern. Im nächsten Jahr werden wir auf jeden Fall wieder dabei sein und einige Konstanten des Festivals schon kennen: die gute Stimmung, den Moderator - und natürlich Helga.

 

Ob Wolkenbrüche oder Hitze: Die Besucher des "Summer Jam" kann so leicht nichts umhauen. Notfalls wird mitten im Wasser gepicknickt. Da spielt auch der Regen keine Rolle mehr. BILDER: ARCHIV KSTA

 

Völlig entrückt im Dauerrhythmus des Reggae: Eine Besucherin des "Summer Jam" auf Wolke sieben inmitten andächtiger Fans.

 

Die "Nationalfarben" des Reggae - Grün - Gelb - Rot - leuchten allenthalten. Immer mal wieder findet sich das Publikum hautnah zusammen, wenn´s special guests zu bewundern gilt.


 



11.07.2005
Ressort: KU
Überm Boden geschwebt
Höhen und Tiefen beim Summerjam am Fühlinger See
 

Im zwanzigsten Jahr des Festivals dominierten die deutschen Reggae-Stars.

VON CHRISTIAN BOS

Winston Foster hat viel überlebt. Die Hänseleien seiner jamaikanischen Landsleute wegen seiner gelblichen Albino-Haut. Die Kindheit im Waisenhaus. Haut- und Kehlkopfkrebs. Anfang der 80er war es Foster, der als Yellowman eine neue Zeitrechnung im Reggae einläutete. Mit seinem aggressiven, zotigen, fast gerappten Gesangsstil verbannte er die sanfteren Roots-Rocker in die Siebziger. Dancehall war geboren. In den vergangenen Jahren fanden immer mehr Reggaestars zurück zu innig drängenden Rastafari-Botschaften. Sogar der unverbesserliche Yellowman. Auf der Summerjam-Bühne gibt der Veteran - in gelben Bermudas und gelbem Sportleibchen - trotzdem den fitnessgestählten Sexverrückten. Das macht auch über zwanzig Jahre nach seinem Karrierehöhepunkt noch Spaß.

Sehr viel mehr jedenfalls als die Friedensbotschaften eines Richie Spice. Der junge Sänger sieht mit Haile-Selassie-T-Shirt und grün-gelb-rotem Schal und Mütze aus, als hätte er in einem der zahlreichen Souvenir-Shops am Fühlinger See Amok geshoppt. Seine verschluderte Performance am Samstagabend ist die langweiligste des diesjährigen Summerjams. Eigentlich sollte zu diesem Zeitpunkt Sizzla, der innovativste Dancehall-Star des neuen Jahrtausends, auf der Bühne stehen. Aber der hatte sich geweigert, einen Vertrag zu unterzeichnen, der ihm schwulenfeindliche Äußerungen auf der Bühne verbat.

Als unmittelbaren Ersatz für den streitbaren Sizzla hatte man den hierzulande noch wenig bekannten Chuck Fenda engagiert. Der einstige Dancehall-Rüpel hat auch seinen Frieden mit Jah (so heißt Gott in Jamaika) gemacht. Zwar durfte Fenda nur 35 Minuten am Nachmittag füllen, überzeugte aber mit der richtigen Mischung aus kraftvollem Vortrag, beseelter Botschaft und schamloser Selbstpromotion.

Zu den eher unerwarteten Höhepunkten des Festivals gehörte auch Barrington Levy. Der Altstar galt als größter Sänger in einer Ära, die von Dancehall-DJs - der jamaikanische Rapper heißt DJ - dominiert wurde. Levys herrlich runde Stimme hat nichts von ihrer Strahlkraft verloren. Beste Unterhaltung im James Brown´schen Sinne.

Ein Wechsel zur zweiten Bühne empfahl sich dennoch. Sonst hätte man Amadou Bagayoko und seine Frau Mariam Doumbia verpasst - den klammheimlichen Höhepunkt des Summerjams. Die beiden Sänger hatten sich vor fast 30 Jahren in einem Institut für blinde Jugendliche in Bamako, Mali kennen gelernt. Ihre neue CD wurde vom Weltmusik-Übervater Manu Chao produziert. Was die plötzliche Presse-Aufmerksamkeit erklärt, nicht aber den unverschämt leichtfüßigen Turbo-Groove des Duos. Bagayoko jagte über seine Rhythmus-Gitarre, als hätte Chuck Berry Flügel. Für eine Stunde schwebte man zwei Zentimeter überm feuchten Boden des Geländes am Fühlinger See.

Woran aber wird man sich erinnern, wenn man an diesen - zwanzigsten - Summerjam zurückdenkt? An das Festival der deutschen Reggae-Superstars. Die Berliner Dancehall-Big-Band Seeed, die Kölner Roots-Superstars Patrice und Gentleman waren es, die den Platz vor der großen Bühne bis zum Ufer füllten. Wer hätte das vor fünf Jahren schon vorhersagen können?

 

Überraschung am See: Barrington Levys Stimme strahlt noch immer. BILD: GRÖNERT


 



Die Farben Jamaikas leuchten am Fühlinger See
 

Musikfestival mit Campingatmosphäre: 25 000 Fans beim "Summerjam"-Start.

Die Hände zum Himmel und im Rhythmus der Reggae-Songs mit den Hüften wackeln. So starteten einige tausend Fans rund um die beiden Hauptbühnen am Fühlinger See ins "Summerjam"-Wochenende. Rund 25 000 Reggae-Fans, die aus ganz Europa angereist waren, pendelten schon am Auftakttag zwischen Campinggelände und Open-Air-Bühnen, zwischen Musikzelten und einem bunten Markt hin und her. An den Ständen dominierten rot, gelb und grün, die Symbolfarben des aus Jamaika stammenden Musikstils. Genau wie in den vergangenen 20 Jahren. Die T-Shirts, Mützen und Tücher scheinen zeitlos modern - oder einfach nur stets neben dem Trend. So lebt Bob Marley auf Hunderten bunter Hemdchen weiter, während seine musikalischen Nachfahren mit stampfenden Schritten über die Bühne hopsen. "Unsere Musik ist stärker als der Regen", säuselte Anthony Locks in einer Art Sprechgesang ins Mikrofon, als sich ein Schauer verzogen hatte. Die Fangemeinde vor der Bühne glaubte ihm und jubelte. (NR)

Bis Sonntag wechseln sich 33 Gruppen und Sänger auf den Bühnen ab. An den Eingängen zum Festivalgelände gibt es noch Wochenendtickets für 80 Euro und Tagestickets (nur Sonntag) für 50 Euro.

 

Kaum erklangen die ersten Rhythmen aus den Verstärkerboxen, waren die Bühnen - wie hier bei der französischen Formation "Babylon Circus" - dicht umlagert. Zu Tausenden feierten die Reggae-Fans rund um den Fühlinger See.

BILD: KNIEPS


 



Karibisches Lebensgefühl
Gentleman gibt als "Weißbrot" unter Reggae-Kollegen in Köln ein Heimspiel
 

Heute beginnt am Fühlinger See das "Summerjam"-Festival, zu dem 30 000 Reggae-Fans erwartet werden. Gentleman (30) ist einer der Stars des dreitägigen Festes. Norbert Ramme sprach mit dem Kölner Reggae-Sänger, der eigentlich Tilmann Otto heißt.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Das Summerjam-Festival will karibisches Feeling nach Deutschland bringen. Geht das überhaupt?

GENTLEMAN: Ich denke schon. Reggae-Musik hat in den letzten Jahren auch hierzulande einen großen Stellenwert gefunden. Während andere musikalische Modetrends längst verschwunden sind, wächst hier die Fangemeinde noch an. Das liegt wohl auch am entspannten Lebensgefühl, das die Rhythmen vermitteln.

Die Vorbilder des Summerjam kommen aus Jamaika. Das sind Sie ja auch aufgetreten.

GENTLEMAN: Stimmt, aber das ist irgendwie nicht zu vergleichen. In Jamaika hab ich beim "Rebel Salut"-Festival gesungen, superfriedlich und total alkoholfrei, und beim Sting-Festival wurde ich gebottlet, das heißt: mit Bierflaschen beworfen.

Irgendwelche Verletzungen?

GENTLEMAN: Ne. Da ist ja ein Maschendrahtzaun um die Bühne, aber die Fans sind halt auch so hart drauf. Wer das überlebt, der kann überall auf der Welt spielen, heißt es. Schlimmer geht es wohl wirklich nicht. Aber es heißt auch, dass derjenige, der beim "Sting" gebottlet wird, später einen Grammy bekommt. Dreimal, zuletzt bei Ninja Man, hat das schon funktioniert.

Da bleibt nach zwei Echos ja noch Hoffnung. Wie ist denn der Kontakt zu den jamaikanischen Kollegen?

GENTLEMAN: Wenn ich in Kingston ankomme, fühle ich mich sofort zu Hause. Im Radio spielen sie nur Reggae, auch meine Songs, das ist schon fantastisch. Und die Kollegen respektieren mich inzwischen, nennen mich "Weißbrot".

Wie fühlt man sich als Reisender zwischen zwei Kulturen?

GENTLEMAN: Früher bin ich immer in ein Loch gefallen, habe in zwei Welten gelebt. Irgendwann aber gibt dir die Musik das Gefühl, dass es egal ist, wo du gerade bist. Viele meiner jamaikanischen Musikerkollegen treffe ich bei Auftritten überall auf der Welt wieder. Auch jetzt hier in Köln. Wegen dieses Festivals ist Köln ja auch in Jamaika überall bekannt. Da fehlt eigentlich nur noch eine offizielle Städtepartnerschaft Köln-Kingston. Musikalisch gibt´s die nämlich schon längst.

Sie haben ja Heimspiel.

GENTLEMAN: Eigentlich schon seit vielen Jahren. In den zwei Jahren, bevor das Festival an den Fühlinger See kam, fand das auf einem ehemaligen Militärflughafen in Wildenrath statt. Da bin ich mit den Jungs vom Pow-Pow-Soundsystem hingefahren. Mit eigener Anlage auf einem Lkw und eigenem Bier. Haben einfach nur Party gemacht, abseits vom offiziellen Festival.

Heute zählen solche Soundsystems doch zum Programm.

GENTLEMAN: Mit dem Umzug nach Köln wurden die einbezogen. Sorgen nun im Partyzelt für Stimmung. Aber auf den Campingplätzen gibt es sie wieder, diese Freaks mit den Anlagen. Die machen genau das, was wir vor zwölf Jahren auch gemacht haben. Die Geschichte wiederholt sich.

 

Reggae auf zwei Bühnen

Auf der Regatta-Insel gibt es zwei große Bühnen, zwei Musikzelte und einen bunten Markt mit Händlern aus ganz Europa. Während in den Zelten (jeweils bis morgens 4 Uhr) Soundsystems und DJs für Partystimmung sorgen wollen, wechseln auf den Bühnen nationale und internationale Künstler.

Am Freitag spielen Irie Revoltes, Babylon Circus, Culcha Candela, Asian Dub Foundation und Seeed sowie StreetSoundSystem, Anthony Locks, K.P. Crew, Andrew Murhpy, The Selecter, Issa Bagayogo, Dawn Penn und Israel Vibration.

Am Samstag spielen Jahcoustix, Famara, alf Pint, Spectacular, Cali P, Barrington Levy, Patrice, Richie Spice, Anthony Cruz, Jah Mason, Chuck Fenda und Gentleman sowie Yellow Umbrella, Tokyo Ska Paradise, Sergent Garcia, Amadou & Mariam, Yellowman, Black Uhuru und Groundation.

Am Sonntag spielen Stingers Atx, Saloniki Surfers, Babacools, An-hony B, Gregory Isaacs, Frankie Paul, U-Roy und Alpha Blondy sowie Ohrbooten, Noiseshaper, Zoe, Nosliw, Ward 21 und Tanya Stephens.

 

Gepäckaufbewahrung und Wasserzapfstellen

Parkmöglichkeiten: Rund ums Festivalgelände wurden im Vergleich zu den Vorjahren neue und andere Parkflächen ausgewiesen, vor allem im Bereich des Bergheimer Wegs. Die Oranjehofstraße bleibt bis Montag (15 Uhr) zwischen Neusser Landstraße und Edsel-Ford-Straße für Kraftfahrzeuge gesperrt. Bis Montag 9 Uhr verkehrt zwischen den Parkplätzen und dem Campinggelände ein regelmäßiger Shuttle-Service. Freitag und Samstag auch bis zum nächsten Einkaufszentrum.

Camping: Rund um den Fühlinger See stehen ausreichend Campingflächen zur Verfügung. Das gesamte Areal ist weiträumig eingezäunt und kann nur mit gültigen Eintrittskarten betreten werden. Camper müssen zudem pro Person und Tag zehn Euro zahlen.

Vorbeugung: Um möglichen Zelteinbrüchen und Diebstählen vorzubeugen, steht auf dem P2 ein "Schließfach Truck". Abschließbare Fächer für Wertsachen (drei Euro), ständig bewacht bis Montag.

Aktionsspielplatz: Für Pänz der Festivalbesucher und die allerjüngsten Reggae-Fans ist ein spezieller Spielplatz angelegt worden.

Versorgung: Der Tisch im gesamten Gelände ist reichlich gedeckt, die Getränkestände, Imbissbuden und -zelte sind ständig geöffnet.

Abfallentsorgung: An Ein- und Auslassbereichen stellen die Organisatoren Mülltüten in unbegrenzter Anzahl zur Verfügung. Auf den Campingflächen gibt es "Müllgatter". Da wird getrennt: Sondermüll (Plastik, Dosen) und Restmüll.

Zusatz-Service: Auf dem Parkplatz P2 steht eine Service-Station mit "Meeting-Point" und "schwarzem Brett" sowie ein großes Frühstückszelt, Gepäckaufbewahrung und Wasserzapfstellen. Geldautomaten sind im Gegensatz zu früher diesmal nicht aufgestellt worden.

Lärmbelästigung: Das Schallschutzkonzept wurde von der Stadt Köln mit dem Tüv Rheinland und den Veranstaltern überarbeitet, um für die Anwohner einen weitgehenden Schallschutz zu garantieren. Für Fragen, Wünschen und Beschwerden der Anwohner hat die Stadt ein Sondertelefon eingerichtet: 0221/709 30-15. (NR)

 

Bühnenarbeiter und Techniker waren gestern Nachmittag noch fleißig mit dem Aufbau der "Summerjam"-Bühnen und der Verstärkeranlagen beschäftigt. Heute ab 15 Uhr erklingen rund um den Fühlinger See drei Tage lang weitgehend nur noch Reggae-Rhythmen.

BILD: KNIEPS

 

Dabei: Gentleman



Berichte  2004



Außerirdischer Indianer
Dancehall am Fühlinger See: Summerjam in Köln
 

20 000 Zuschauer feiern Lee "Scratch" Perry, Bounty Killer, Sanchez und andere Reggae-Stars.

VON CHRISTIAN BOS

Falls ein Ufo über den Fühlinger See gekreist und gleich hinter der "Red Stage" - der Hauptbühne des 19. Summerjam - gelandet war, wir hatten es nicht bemerkt. Den Außerirdischen, der jetzt im Indianer-Karnevalskostüm, mit bunten Federn geschmückt, vor den Zehntausenden Reggae-Fans steht, kann jedoch niemand übersehen. Lee "Scratch" Perry tauscht den Federschmuck gegen eine mit Glasschmuck und Blechgoldorden zugepflasterte Baseball-Mütze und murmelt wirres Zeug in sein Mikro. Seltsam verschleppte Keyboard-Akkorde begleiten ihn aus dem Laptop, eine Band aus glatzköpfigen weißen Studio-Checkern liefert das Rhythmus-Fundament dazu.

Perry ist seit 50 Jahren im Geschäft. Die Musik, die alljährlich am Fühlinger See auf Europas größtem Reggae-Festival gefeiert wird, hat er miterfunden. Und noch so viel mehr. Als Perry 1974 sein eigenes Studio, "The Black Ark", die schwarze Arche, in Kingston, Jamaika bezog, erfand er dort am Mischpult eine waghalsige, unberechenbare, elektronische Musik. Die den Dancehall, Jamaikas Antwort auf die digitale Revolution, um ein Jahrzehnt vorwegnahm. Und deren Einfluss auf die hundert Spielarten der elektronischen Pop-Musik vielleicht sogar noch größer war.

Perry manipulierte seine Tonbänder so oft mit Verzögerungen, Verhallungen, Störgeräuschen, bis am Ende ein eigentümlich warmer, scheinbar plastisch geformter Sound herauskam, eine Botschaft von fremden Sternen. Oder aus der schwarzen Diaspora. 1979 erklärte sich "Scratch" zum weißen Mann und fackelte sein Studio in einem Anfall von Wahnsinn ab. Seitdem tourt er - als amtlich beglaubigter Verrückter - über den Globus.

Der Gegensatz zum samstäglichen Top-Act hätte nicht größer sein können. Jamaikas momentan größter Dancehall-Star, Elephant Man, konnte nicht ausreisen. Stattdessen beehrte der Bounty Killer endlich einmal wieder die Halbinsel. Der DJ - der Dancehall-DJ entspricht ungefähr dem HipHop-Rapper - mit der sonoren Stimme hält sich schon fast 15 Jahre an der Spitze des extrem schnelllebigen Dancehall-Geschäfts. Schließlich hat er sich aus einem der übelsten Viertel Kingstons nach oben gekämpft. Da lässt man nicht so schnell los.

Der große dünne Mann trifft auch beim deutschen Abiturienten-Publikum auf offene Ohren, wenn er in unbarmherzig daherrollenden Wortkaskaden Partei für die Ärmsten ergreift, dem primären weiblichen Geschlechtsorgan ein Ständchen bringt - und leider auch, wenn er, wie vor ihm schon der zornige Prophet Capleton, die Dancehall-Boyband T.O.K. und Newcomer Vybz Kartel, über Schwule herzieht. Die Beifall heischende Homophobie ist seit je der unsympathischste Zug der Dancehall-Musik.

Es geht doch so viel netter. Etwa bei Sanchez: Der stets top gekleidete Crooner ist für die Liebeshymnen zwischen den Kopfnicker-Stücken zuständig. Auf dem Summerjam schlendert er elegant zwischen seinen großen Hits, R´n´B-Covern und wirklich ergreifenden Hymnen an Gottvater und Sohn. Zum Schuss gibt´s die jamaikanische Nationalhymne - und dann eilt Sanchez noch einmal auf die Bühne, um im Schnelldurchlauf sein neuestes Album anzusingen. 20 000 potenzielle Käufer wollen ja schließlich beworben sein.

 

Seit 50 Jahren im Geschäft: Lee "Scratch" Perry BILD: GRÖNERT


 



Sperrungen am Fühlinger See
 

Vom Freitag bis Sonntag findet am Fühlinger See wieder der Summerjam, Europas größtes Reggaefestival, statt. Rund 25 000 Besucher werden erwartet. Restkarten sind noch vor Ort erhältlich. Wegen des großen Besucherandrangs bleibt die Oranjehofstraße von der Neusser Landstraße bis zur Edsel-Ford-Straße noch bis Montag, 15 Uhr, für Kraftfahrzeuge gesperrt. Festivalbesucher werden von der Autobahnanschlussstelle Köln-Niehl zur Parkfläche am Bergheimer Weg geleitet. Ab dort fahren dann Sonderbusse zum Veranstaltungsgelände. Die Stadt Köln hat für die Fragen, Wünsche oder Beschwerden der Anwohner ein Sondertelefon eingerichtet, Ruf 0221/709 30-38. (cbo)